BEHINDERTE KÜNSTLERINNEN ZWISCHEN KITSCH UND ANSPRUCH
KNALLFABET Erstsendung, 4.4.2001
Das Vorurteil, daß Menschen mit Down-Syndrom nicht lesen und schreiben können ist weit verbreitet. Die Kunst- und Literatur-Zeitschrift "Ohrenkuss", die fast ausschließlich von MitarbeiterInnen mit Downsyndrom gestaltet wird, beweist das Gegenteil. Wir diskutieren u.a mit der Herausgeberlin Katja de Branganca und dem Verleger Stefan Städtler-Ley die Möglichkeiten sogenannter "Behindertenkunst" in der allgemeinen Kunstszene. Außerdem besprechen wir das kürzlich erschienene Buch der "behinderten" Autorin Michaela König
Online-Version der ZS "Ohrenkuss": www.ohrenkuss.de, mit interessanten Links
Verein "Kunst und Behinderung", Frankfurt, Tel. 069/7077840
Malkurse für Behinderte am Städel/Frankfurt: Anja Kollmans 60500838 od. 99993020
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Buchbesprechung:
Michaela König: Traust Du mir
das zu, Edition 21, G&S Verlag, 2000
Kindergärtnerin ist sie, eine berühmte Schriftstellerin möchte
sie werden, Michaela König aus Wien, gerade 23 Jahre alt
geworden. Und sie hat bereits geschafft, wovon andere Dichter und
Dichterinnen in ihrem Alter bloß träumen. Sie hat ein Buch
veröffentlicht. Ein Buch mit dem Titel: "Traust Du mir das
zu", ein schmales Bändchen mit kurzen Texten, aber immer
hin ein Buch mit ISBN-Nummer, schön gelayoutet und illustriert
von Lina Barz.
Die Frage des Titels ist allerdings berechtigt. Viele hätten Michaela König das nicht zugetraut. Schon daß sie lesen und schreiben kann ist ungewöhnlich, denn Michaela König hat ein Chromosom zu viel, das Down-Syndrom. Nicht alle Menschen mit Down-Syndrom können lesen oder schreiben, aber doch mehr als man denkt. Sie benutzen das Schreiben, um sich auszudrücken, um ihre Sehnsüchte, Hoffnungen, Wünsche und vor allem ihr Bedürfnis nach Anerkennung auszudrücken, aber auch, um ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, Geschichten und Gedichte zu formulieren. Um die Zeitschrift Ohrenkuss aus Bonn haben sich einige von ihnen versammelt, darunter auch Michaela König. Die Texte in dieser Zeitschrift stammen überwiegend von Menschen mit Down Syndrom.
Doch zurück zu Michaelas Buch. Die Texte: eine Mischung aus Gedanken zu verschiedenen Themen, die viele Teenager beschäftigen: die Liebe, das Abnehmen, gemischt mit Wünschen, Erwartungen, Sehnsüchten, Reisebereichte, Familienerlebnisse. Teilweise merkt man, daß Themen oder Titel von außen vorgegeben wurden: "Was sollen die anderen Menschen mehr beachten, was wünschst du von ihnen" oder "Was muß ich tun, damit ich attraktiv aussehe." Das Ergebnis ähnelt daher dem klassischen Schulaufsatz.
Die Sprache ist naiv, kindlich einfach, romantisch, teilweise kitschig, alles andere als ungewöhnlich oder gar originell. Es ist im Gegenteil das Bemühen herauszulesen, so "normal" wie möglich zu schreiben. Der Verlag hat jedoch bewußt auf Lektorat und Rechtschreibkorrektur verzichtet um das Besondere zu betonen. Michaela, so hat der Leser den Eindruck, möchte jedoch nicht ihre Andersartigkeit betonen, sondern ihre Normalität. Die Botschaft ist: ich bin wie ihr. Die Rechtschreibfehler prägen den Stil nicht und stören beim Lesen eher. Ein Lektorat wäre durchaus sinnvoll gewesen, aber dann hätte sich die Frage nach den Kriterien gestellt. Daran haben sich die Herausgeber wohl nicht getraut. Und so bleibt dem Leser die Frage überlassen, wie er diese Texte bewerten soll. Selbst der Verlag gibt zu, daß sie "vielleicht nicht literarischer als Tagebucheinträge" seien, aber sie seien poetischer. Doch worin liegt das poetische Element?
Sprachlich auf dem Niveau eines 10-12jährigen Kindes, wirken diese Texte zunächst vor allem nett, putzig, rührig, sprechen die mütterlichen, väterlichen Anteile in uns an. Der Verlag nennt das "unverblendet mit sprachlichen Mitteln umgehen" und "auf direktem Wege Gefühlsebenen" ansprechen und "jenseits der germanistischen Norm".Doch tatsächlich besteht der Wert dieser Texte mehr in ihrer Botschaft, als in ihrer Sprache, dem Plädoyer für Integration und Anerkennung. Und sie geben in der Tat einen kleinen Einblick in das Leben eines Menschen mit Down-Syndrom, der mehr unter der Abwertung und Vorurteilen der Umwelt leidet als an seiner Behinderung.
Doch Literatur ist das sicher noch nicht. Poetische Elemente blitzen nur selten auf. Was bleibt ist das Banale, Alltägliche, Triviale, das nur durch die Behinderung besonders wird.
"Traust du mir das zu" ist Teil einer Reihe von Büchern in der Edition 21 des G&S Verlages von Menschen und über Menschen mit Down-Syndrom. Das vorliegende Buch wurde von Lina Barz illustriert.
Musik zu dieser Sendung von
STATION 17, ein integratives Musikprojekt aus Hamburg,
mittlerweile ein Kultprojekt aus dem Umfeld der Hamburger Schule
(Infos unter www.whatssofunnyabout.de oder www.alsterdorf.de )
und der Band "Satisfactory", eine integrative Rockband
aus Oberursel um die Sängerin April King
Kontakt: Satisfactory, April King 069/ 40590892
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