Was ist ein Poetry Slam? - von Dirk Huelstrunk

 

Was ist eigentlich ein POETRY SLAM?

Missverstaendnis 1: Nein, es ist keine neue Casting Show im Privatfernsehen. Es ist eine unabhaengige Grassrootsbewegung, ein loses internationales Netzwerk von engagierten Menschen, zumeist selbst Dichter, die Poesie dem Elfenbeinturm entreissen und wieder im Alltag verankern wollen, die es nicht einsehen, dass Literatur keinen Spass machen darf.

 

Missverstaendnis 2: Nein, es ist kein neuer literarischer Stil. Poetry Slam ist ein Veranstaltungsformat, eine Form der Literaturpraesentation: ein offener Literaturwettstreit, in dem mehrere AutorInnen auf einer Buehne mit Kurzlesungen (je nach Ort 3 - 10min.) gegeneinander antreten und vom Gesamt-Publikum bzw. einer zufaellig ausgewaehlten Publikumsjury spontan bewertet werden. Alle Stile von Prosa ueber Lyrik, Performance bis Rap und Comedy sind erlaubt. Teilnehmen koennen alle, die die formalen Voraussetzungen (Zeitbegrenzung, eigene Texte, rechtzeitige Anmeldung, keine Requisiten) erfuellen.

 

Fuer AutorInnen bieten Slams die Moeglichkeit, direkt mit einem unvoreingenommenen und kritischen Publikum konfrontiert zu werden. Vom Publikum wird erwartet, dass es offen und unmittelbar seine Emotionen zum Ausdruck bringt. Der Wettbewerbscharakter sorgt fuer Spannung und das Publikum fuehlt sich ernst genommen, da es aus der Rolle des passiven Kulturkonsumenten zum wettbewerbsentscheidenden Faktor wird. Slams sind keine stillen, ehrfuerchtigen und bierernsten Veranstaltungen sondern laute, emotionale Ereignisse, bei denen das Publikum seine Favoriten anfeuert oder auch mal kritische Bemerkungen oder Kommentare in den Saal bruellt. Eine Atmosphaere, die man eher von Popkonzerten oder Sportveranstaltungen kennt.

 

Die Idee des Poetry Slams ist Mitte der 80er Jahre von dem Dichter und Performancekuenstler Marc Kelley Smith aus Chicago entwickelt worden und hat sich seither weltweit verbreitet. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es Slams auch in Deutschland, in stetig steigender Zahl, z.Zt. in etwa 60 Staedten. Die Organisatoren der einzelnen Slams (Slammaster genannt) sind durch ein loses Netzwerk miteinander verbunden (die “slamily³) und kommunizieren hauptsaechlich ueber das Internet.

 

Einmal jaehrlich trifft sich die Szene zu einem bundesweiten Wettbewerb, dem “National Slam³ bzw. seit der Teilnahme von Oesterreicher und Schweizer AutorInnen “German International Poetry Slam³, in einer jeweils anderen Stadt. Dort treten nicht nur einzelne AutorInnen gegeneinander an sondern ganze Staedteteams. Ein “National Slam³ ist ein Grossereignis, das in den USA bereits Fussballstadien fuellt, in Deutschland immerhin tausende Leute auf die Beine bringt. Doch auch unabhaengig von den nationalen Meisterschaften reisen viele Slammer als sogenannte Slamtouristen von Veranstaltung zu Veranstaltung, zunehmend auch international.

 

 Neben der regionalen und nationalen Vernetzung der Szene gibt es eine zunehmende internationale Vernetzung und Austausch. Verbindungen bestehen vor allem zum Slammutterland USA. Regelmaessig treten amerikanische Slam Poeten in Deutschland auf. Anlaufstellen sind hier vor allem die grossen Slams in Muenchen, Hamburg, Frankfurt, Duesseldorf. Auch nach Holland und England gibt es enge Kontakte. Die Oesterreicher und Schweizer sind seit 2002 fest in die deutschsprachige Szene integriert. Franzoesische Slammer waren zu Gast auf dem German International Poetry Slam 2004 in Stuttgart.

 

Was sind Slam Poeten? Was ist Spoken Word Poetry?

Slam Poeten sind ganz einfach diejenigen, die regelmaessig auf Slams auftreten. Sie eint kein gemeinsamer Stil sondern nur die gemeinsame Buehne, die gemeinsame Erfahrung, im Wettbewerb einem Publikum gegenueberzustehen, das mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg haelt. Allerdings foerdern Zeitbeschraenkung und Buehnensituation bestimmte Formen der Poesie. Spoken Word Poetry ist eine besondere Form gesprochener Lyrik, die Gestus, Mimik, Bewegung, Klang, Rhythmus miteinbezieht und dem Sprechgesang im Rap nahesteht. In den USA betrachten sich viele Rapper als Poeten und treten auch ohne Beats im Hintergrund auf. In Deutschland ist das noch eher die Ausnahme. Neben der Lyrik haben die Slams in Deutschland vor allem die Kurzgeschichte befoerdert. Auch die Stand-up Comedy hat ihren Stammplatz auf Slambuehnen.

 

RomanAutorInnen findet man aufgrund der Zeitbegrenzung selten. Ohnehin muss jeder fuer sich selbst entscheiden, ob seine Texte “buehnentauglich³ sind oder nicht. Nicht jeder ist begabt seinen eigenen Text vorzutragen. Manche Texte muessen in Ruhe gelesen werden. Beim Slam kommt es auf Witz, Schnelligkeit, Klang, Rhythmus, Originalitaet und Publikumskontakt an.

 

Poesie im Wettbewerb?

Literaturwettbewerbe sind nichts Neues. Nur sind es traditionell mehr oder minder offizielle, haeufig staedtische oder staatliche Institutionen, die Wettbewerbe ausschreiben, Themen vorgeben und eine Jury aus sog. Fachleuten berufen, die dann die Sieger auswaehlen. Bei einem solchen Wettbewerb zu gewinnen, ist haeufig Glueckssache, gelegentlich hilft auch die Bekanntschaft mit einem der Juroren. Eine qualitative Aussage ist das nicht, denn auch Literaturwissenschaftler und andere “Fachleute³ entscheiden letztlich nach ihrem persoenlichen Geschmack oder anderen ausserliterarischen Kriterien.

 

Wirklich objektive Kriterien, um die Qualitaet von Literatur zu messen, gibt es nicht. Slams machen genau das deutlich, indem sie das subjektive Gefuehl zum Bewertungsprinzip erheben. Auch Gewinn oder Niederlage auf einem Slam sagen nichts ueber die literarische Qualitaet eines Textes aus. Sie sind zu einem erheblichen Teil von der kaum vorhersehbaren Stimmung des Publikums, seinem Alkoholpegel, dem bisherigen Verlauf der Veranstaltung, der Moderation, der Plazierung und der eigenen Stimmung abhaengig.

 

Fuer das Publikum ist der Wettbewerb und die Moeglichkeit, Entscheidungen zu treffen der primaere Anreiz an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen. Es ist ganz klar ein “Event³, eine “Show³, ein “Unterhaltungsprogramm³. Das unterscheidet den Slam von traditionellen Lesungen, die eher unter die Rubrik “Bildung³ fallen. 

 

Fuer die AutorInnen ist der Wettbewerb ein Adrenalinstoss, ein Kick, ein Spannungselement. Der Name und der Ruf zaehlt hier nichts. Es zaehlt alleine, dieses Publikum an diesem Ort zu dieser Zeit mit diesem Text und diesem Vortrag zu ueberzeugen. Dabei spielen so viele Zufallselemente eine Rolle, so dass es kein perfektes Rezept gibt, einen Slam zu gewinnen. Der gleiche Text und der gleiche Vortrag kann auf einem Slam Begeisterungsstuerme entfachen, auf einem anderen wird der Vortragende von der Buehne gebuht. Der Wettbewerbsdruck fuehrt zwingt AutorInnen, an Texten und Vortrag zu feilen und es immer wieder neu zu versuchen.

 

 

Lebendige Literatur

Poetry Slams ruecken die AutorInnen als Schoepfer ihrer Werke wieder staerker ins Blickfeld. Ausschliesslich eigene Texte sollen gelesen werden. Wer seine Texte nicht lesen kann, sollte es ueben ­ am besten auswendig lernen ­ oder es lassen. Schliesslich wird im Slam nicht nur der reine Text sondern auch die Performance bewertet, im Idealfall ein Gesamtereignis, dessen einzelne Bestandteile untrennbar zusammengehoeren. Das Publikum geniesst es, AutorInnen zu sehen, die ihre Texte “leben³. Und genau das meint der Begriff “Performance³ im Slam.

 

Natuerlich widersprechen Slams damit der lange eingeuebten aesthetischen Theorie, dass Texte fuer sich stehen muessten und der Autor eines Textes fuer die Rezeption seines Textes ohne Belang ist. Ich glaube, dass es nicht zuletzt diese willkuerliche Trennung zwischen Text und Autor ist, die dem Publikum die Literatur entfremdet hat. Der Autor ist der glaubwuerdigste Mittler zwischen seinem Text und dem Leser/ Zuhoerer.

 

Qualitaet

Keine Auswahlkriterien, ausser dem Publikumsgeschmack? Viele Kulturbetriebsangestellte aber auch manche arrivierten Dichter runzeln skeptisch die Stirn oder verkuenden schon mal den Tod der Poesie. Abgesehen von der Fragwuerdigkeit “objektiver³ Qualitaetskriterien fuer Poesie, hat sich das  literarische Niveau auf Poetry Slams in den vergangenen Jahren erstaunlich gehoben. Das liegt nicht zuletzt an der Lernfaehigkeit vieler zumeist junger Dichter, die ihr poetisches Coming Out auf dem Slam hatten. Jahrzehntelang gab es keine poetische Vortragskunst in Deutschland. Viele aeltere Dichter tun sich immer noch schwer mit diesem Format. Doch die jungen Dichter, die haeufig noch als Schueler anfangen auf Slams aufzutreten, haben es gelernt mit der besonderen Situation umzugehen und ihren eigenen Stile zu entwickeln: oekonomisch knapp und pointiert werden Kurzgeschichten erzaehlt. Die Alltagssprache wird zur Poesie. Der Reim kommt zurueck. Minidramen werden entwickelt waehrend andere sich vom Sprechgesang des Rap anregen lassen.  

 

Natuerlich gibt es Flops, Kitsch, Tagebuchlyrik oder struktur- und ziellose Texte, gestotterte und verhaspelte Texte, Nervositaet und peinliche Momente. Aber es gibt auch immer Highlights an poetischer Dichte, an Wortmagie, an Experimenten, an ungewoehnlichem Vortrag. Die Abwechslung macht´s und ohne die Flops koennte man die Highlights vielleicht gar nicht so geniessen.

 

Durch die nationale und internationale Vernetzung gibt es einen staendigen Austausch zwischen Profis, Semiprofis und Laien oder gar Anfaengern (in der Szene “Virgins³ genannt). Auch dieser Austausch erhoeht das Niveau und inspiriert viele lokale Dichter an ihren Texten zu arbeiten und sich zu verbessern.

 

Weitere Infos

www.poetryslam.de (fast-zentrale Homepage der deutschsprachigen Slamszene mit bundesweiten Terminen, Kurzinfos ueber einzelne Slams und Diskussionsforum)

www.slamffm.de (Homepage des Frankfurt Poetry Slams: Termine, Texte, Presse, Links)

www.mairisch.de (Slam und Slamverwandte Termine)

Marc Smith: www.slampapi.com (Homepage: des Slam-Erfinders aus Chicago)

Kurt Heintz: www.e-poets.net/library/slam/ (ausfuehrliche amerikanische Slamgeschichte)

 

Poetry Slam in Frankfurt: jeden 2. Freitag im Monat (ausser Juli ­ Aug) BCN-Cafe, FH, Nibelungenplatz, 21 Uhr

 

 

(Dirk Huelstrunk ist Performance-Autor, und seit 1998 Organisator und Moderator des Frankfurter Poetry Slams im BCN-Cafe)