In times of the plague, Aids-Poetry in Berkeley, 30.6.

 

Charles Ellik ist der Slamguru der Westkueste, der wichtigste, von allen respektierte Veranstalter des Berkeley Poetry Slam (www.daniland.com/slam). Durch seine Vermittlung und Empfehlung habe ich fast alle meine Westkuestenveranstaltungen bekommen. In Berkeley aufzutreten ist genauso hoch angesehen, wie im Green Mill Club in Chicago. Nun, zum Abschluss meiner Tour ist es soweit.

 

Heute morgen noch hatte mir Becky aus San Jose geholfen, ein Gedicht ueber Aids zu finden, denn Charles hatte mich gebeten, ein solches heute Abend vorzutragen. Die Veranstaltung sei ein Aids-Benefiz. Das Gedicht muesse nicht von mir sein.  Die Aufforderung hat mir ein wenig Kopfzerbrechen bereitet. Ist nicht gerade mein Spezialthema.

 

Das koennte was fuer dich sein. Becky hielt mir einen dicken Lyrikband unter die Nase. The Man With Nigh Sweats von Thom Gunn. Schwuler Dichter, eigentlich Englaender, hat aber lange in San Francisco gelebt. Ich glaube, er ist erst kuerzlich gestorben. Hier, was haeltst du davon? In times of the plague, heisst das Gedicht, dass Becky herausgesucht hat. Es ist nicht zu lang und nicht zu kurz. Es handelt von AIDS und ich verstehe es einigermassen. Das nehme ich, sage ich nach einem ersten fluechtigen Blick.

 

The Starry Plough ist wie viele andere Slamlocations auch ein gemuetlicher Irish Pub mit einer langen Theke, Holztischen und Stuehlen und revolutionaeren Postern an den Waenden. Charles steht auf einer Leiter und bringt Plakate der Aids Foundation an, die die Veranstaltung heute abend sponsort.  Ein hagerer Hippie mit langen blondgelockten Haaren, von einem Stirntuch zurueckgehalten und einem goatee, dem zur Zeit bei US-Dichtern und Intellektuellen topmodischen Ziegenbaertchen. Strecke ihm die Hand entgegen. Hi, ich bin Dirk. Charles schuettelt den Kopf. Nicht so. Ich zeig dir, wie man das macht, wenn man in the hood (d.h. im Ghetto) ueberleben will. 1. klassischer Haendedruck, 2. mit ueberkreuztem Unterarm, 3. die Finger ineinanderkrallen, 4. die geballten Faeuste aneinander stossen. Nicht unter, nicht ueber sondern neben und mit dir, Bruder, bedeutet das, erklaert Charles.  Komme mir sehr uncool vor, auch wenn die extrem sanfte, anthroposophisch anmutende Sprechweise von Charles nicht so recht zu dem harten Ghetto-Image passen will.

 

Suche mir einen Platz, von dem aus ich gute Aufnahmen machen kann, nicht zu nah an den Boxen, aber auch nicht zu weit weg. Auch hier eroeffnet eine Live-Jazzband die Show. Das Mikro eher schwach auf der Brust. Charles Ansagen versteht man kaum. Die Jury wird ueber die nummerierten Eintrittskarten ausgelost. Erste Slamrunde. Viel Rap-Poetry aller Rassen. Fast immer sehr messagelastig, meist geht es um Aids. Sehr ernsthafte Texte. Gute Performances, die Texte aber meist so rasant vorgetragen, dass ich fast nichts verstehe. Es ist ziemlich voll fuer US-Standards, ca. 70 Zuschauer, aber es ist schwer sie in Stimmung zu bringen. Vielleicht wegen des ernsten Themas.

 

Fuer mich klingen die Dichter einer wie der andere. Der einzige, der sich in dieser ersten Runde vom Standard ein wenig abhebt, ist Paradox, ein kleiner Schwarzer mit rundem Kopf und schweren Augenlidern. Seine Performance ist eigenartig, nicht ganz Rap, vor allem ruhiger mit einem seltsamen Humor und einer Prise Selbstironie (sonst eher selten bei schwarzen Spoken Word Perfomern). Irgendwie schafft er es, ein komisches Aids-Gedicht abzuliefern. Paradox hatte ich schon in San Jose getroffen. Spaeter erzaehlt er mir, dass er im beruechtigten Schwarzenghetto South Central in L.A. aufgewachsen sei.

 

Nach der Pause starte ich mit dem Aidspoem von Thom Gunn, den hier erstaunlicherweise niemand kennt, obwohl er lange in San Francisco gelebt hatte. Die Begeisterung haelt sich in Grenzen. Anschliessend Beat the book, Nie, Abschprr und schon gibt mir Charles ein Zeichen. Noch ein Gedicht. Also verzichte ich auf das in letzter Zeit obligatorische Uebersetzungsspielchen um meinen in den USA bisher populaersten Text (Poem against war) zu bringen, der auch hier erwartungsgemaess wirkt. Charles ist etwas nervoes, weil knapp mit der Zeit. Einige Dichter haben ueberzogen und er musste eine Menge Ankuendigungen  machen.

 

Nach mir tritt als zweiter feature Spot Caroline Harvey auf. Sie beginnt mit einer Art persoenlicher Entwicklungsgeschichtegedicht, dass sie im Duo mit ihrem Freund vortraegt. Wiesiedaswurdenwassiesind  ist ein beliebtes Thema fuer US-Slampoeten neben dem ueblichen sex & politics.

Aus dem zweiten Set sind mir gar keine Slammer besonders aufgefallen. Es gibt einen bestimmten Standard, der selten unterschritten, aber noch seltener ueberschritten wird. Habe das Gefuehl, alle arbeiten nach der gleichen Wie-verfasse-ich-ein-Spoken-Word-Gedicht-Anleitung. Sieger ist ein Vietnamese mit beeindruckend taetowierten muskuloesen Oberarmen.

Immerhin verkaufe ich einige CDs, einen deutschen Journalisten und an Caruna, eine huebsche Asiatin, die ich schon in San Jose kennengelernt hatte. Du hast mich total inspiriert, bruellt sie mir gegen die laute Hintergrundmusik ins Ohr und drueckt mir einen Scheck in die Hand. 

 

Gehe nach der Show mit Charles noch in Ruhe ein Bier trinken. Er  ist sauer, weil die Aids-Foundation als Sponsor verlangt hat, dass die Veranstaltung keinen Eintritt kosten duerfe, jetzt aber nicht genug Geld ausgezahlt haette, um alle Kosten zu decken. Obwohl Charles noch ziemlich jung und wild wirkt, ist er einer der alten Hasen im Geschaeft. Er arbeitet auf eine Professionalisierung hin, zahlt den Kuenstlern anstaendige Honorare. Der Wettbewerb ist fuer ihn ein Leistungsansporn. 

 

Ich war vielleicht  nicht der allererste, der Teams gecoacht  hat, aber sicher der erste, der das Teamcoaching populaer gemacht hat, behauptet Charles. Ein Team zu coachen heisst, professionell zu arbeiten. Ich verlange viel von den Teammitgliedern. Wir treffen uns mehrfach in der Woche zu Gruppen und Einzelcoachings. Es ist teilweise sehr persoenlich. Ein Mittelding zwischen Supervision und kreativer Feinarbeit. Ein Coach muss in der Lage sein, die Staerken der einzelnen Teammitglieder zu erkennen und sie dort zu foerdern, wo ihre Faehigkeiten liegen. Manchmal, so Charles, schaetzen die Dichter ihre Faehigkeiten ohne professionelles Feedback voellig falsch ein. Mittlerweile sei es der Standard, dass Teams gecoacht wuerden. 1999 waren drei Westkuestenteams im Finale des National Slam, nicht zuletzt durch die Coaching-Arbeit, meint Charles. Da haben die anderen Teams einen kleinen Schock bekommen, aber viele haben schliesslich das Coaching-Konzept uebernommen.

 

Die Bay Area Szene sei ziemlich solidarisch. Ein knappes Dutzend Slams gibt es in dieser Gegend, die sich aber nicht als Konkurrenz verstuenden sondern gegenseitig AppleMark
unterstuetzen. Ausdruck dieser Solidaritaet seien auch die Battles of the Bay -Teamwettbewerbe, die das ganze Jahr ueber in verschiedenen Staedten stattfinden und die auch dazu dienen die Teams in Uebung zu halten und ihnen die Chance zu geben, vor einem fremden Publikum aufzutreten. In den USA ist die Bindung der Slammer an einen spezifischen lokalen Slam sehr viel ausgepraegter als in Deutschland mit seinem extremen Slamtourismus. Die Touring Poets sind meist Features, die gar nicht mehr im Wettbewerb antreten und damit die Oberschicht der US-Slamszene.

 

Mit Marc Smith versteht sich Charles nicht so gut, a) weil Marc ihn nicht bei sich auftreten lasse, b) weil Marc das proletarisch, dilettantisch Rauhe dem hochprofessionellen Ansatz von Charles vorziehe. Charles respektiert natuerlich wie alle Marc als Slamgruender, aber er wirft ihm vor, den Slam seitdem nicht weiter entwickelt zu haben. Marc Smiths Aussage mir gegenueber, dass sich die Show im Green Mill Club in den letzten 15 Jahren kaum veraendert habe, scheint das zu bestaetigen. Die Idee, Teambattles zwischen den Nationals durchzufuehren, so Charles, stamme von ihm und schliesslich habe sie sogar Marc Smith uebernommen und die Midwest Slam League, deren (etwas schwaches) Finale ich in Kalamazoo erleben durfte,  analog zum Battle of the Bay ins Leben gerufen.

 

Schliesslich erzaehlt Charles noch von den kleinen dreckigen Tricks der Teams bei den National Slams, den Versuchen, Konkurrenzteams zu disqualifizieren, sie betrunken zu machen, unter Drogen zu setzen oder ihre Heimatlocations zu diskreditieren. Schliesslich muessen alle Slamlocations, die am National Slam teilnehmen wollen gewisse Standards erfuellen: Mindestpublikum von ca. 30 Zuschauern, Mindestens 6 Veranstaltungen im Jahr und offener Zugang fuer alle Dichter. Doch wenn von den 30 Zuschauern, die Haelfte Teilnehmer der Show sind, wie ich es haeufiger erlebt habe, sind dann die Standards noch erfuellt? Und wenn die andere Haelfte der 30 Zuschauer die Freunde der Teilnehmer sind, wie kann es dann eine unabhaengige Publikumsjury geben?

 

Uebernachte heute bei Charles. Ziemlich schick, teuer und sauber eingerichtete Wohnung fuer einen Hippie. Seine Frau sei Biologin, gesteht Charles und sehr auf Ordnung bedacht. Er selbst ist Buddhist oder etwas Ahnliches. Er entzuendet gleich ein paar Raeucherstaebchen und zieht sich zum meditieren zurueck. Da  ist sie schon wieder, denke ich: die scheinbar sehr stabile Verbindung von Kuenstler und Naturwissenschaftlerin, ueber die ich bereits mit Jason in Chicago philosophiert hatte.

 

zurueck/back