BEAT THE BOOK TOUR TAGEBUCH, USA 27.5.- 2.7.2004

 

Slacker Life Chicago, 27.5. - 1.6.04

Sitze mit dem Schriftsteller Jason Pettus und seinem Freund Garth Katner vor dem Cafe Intelligentsia am Broadway. Diskutieren ueber Dada, Politik, Poetry Slam, deutsche Bands (Kraftwerk, Einstuerzende Neubauten und Nena) und ueber Trinkgeldregeln.

Jason war Ende der 90er Jahre ziemlich aktiv in der Poetry Slam Szene, hauptsaechlich um huebsche Maedels kennenzulernen, wie er gesteht. 1997 landete er mit dem Chicago Slam Team auf Platz 2 bei den US Nationals und war 2001 verantwortlich fuer das Rahmenprogramm zum 15jaehrigen Jubilaeums National Slam in Chicago. Doch jetzt hat er sich aus der Szene zurueckgezogen. Schreibt Romane, Kurzgeschichten, Journalistisches, das er, ebenso wie ein Online-Journal hauptsaechlich auf seiner Homepage: www.jasonpettus.com veroeffentlicht.

 

Jason meint, die Szene habe sich in den letzten Jahren sehr veraendert, sei nicht mehr so vielseitig und offen wie frueher. Der Stil habe sich vereinheitlicht und die politisch korrekte Botschaft sei extrem wichtig geworden. Mit seinen White-Trash Geschichten sei er irgendwann angeeckt. Auch mit dem Slamgruender Marc Smith www.slampapi.com kommt er nicht mehr so gut zurecht. Marc wuerde eifersuechtig darauf wachen, dass niemand anderes neben ihm zu wichtig oder erfolgreich werde. Eigentlich ein Wunder, dass es  in einer Stadt von der Groesse Chicagos mit einer gigantischen Poetry Szene nur einen einzigen Poetry Slam gibt. Ich hoffe, du verstehst, sagt Jason, dass ich zu deinem Auftritt in Marcs Green Mill Club nicht mitkommen kann.

 

Garth ist einer seiner besten Freunde. Als ehemaliger Professor fuer International Studies hat er Jason zu seiner Deutschlandtournee ueberredet. Finanziert wurde die Tour durch Spenden seiner Online Leser, die Garth auf seinem Konto gesammelt hat. (Jason hat weder ein Konto noch eine Kreditkarte, noch ein Auto). Garth hat seine akademische Karriere aufgegeben, um bei diversen Hilfsorganisationen in Krisengebieten auf dem  Balkan, im Mittleren Osten und in Zentralasien zu arbeiten. Er ist zum Judentum uebergetreten und arbeitet jetzt fuer eine interreligioese Jungendorganisation. Besonders religioes wirkt er jedoch nicht. Er hat einen ziemlich subtilen Humor und eine grundsaetzlich ironische Haltung, gelegentlich ins leicht Zynische abgleitend.

 

 

 

 

 

 

Mein Quartier in der Abstellkammer von Jasons kleinen Slacker Appartement..

 Ausgestreckt ragen die Fuesse ein wenig ins Bad. Macht nix.

 

Kreuzung Broadway/Diverse

 

Dies ist mein Lieblingsplattenladen, dies ist ein guter Buchladen, dies ist noch eine echte Nachbarsschaftskneipe...hier gibts das beste Chili im Viertel.  Jason ist ganz versessen darauf und stolz, mir sein geliebtes Chicago zeigen zu koennen.

 

 

 

Noch am Abend des ersten Tages schleppt mich Jason zu einem Open Mike im Rogers Park Viertel im Norden Chicagos. Das Cocoa Beans Open Mike ist eine Art offenes Wohnzimmer im Erdgeschoss eines etwas abgenutzten viktiorianischen Haeuschens. Die Buehne im Erker. Ein Dutzend Schreiberlinge raekeln sich in leicht vergammelten Sofas, Wohnzimmeratmosphaere. Collegekids und obdachlose Punks, skurrile Aussenseitertypen mit Tics und einer Neigung das Zeitlimit (10min) zu ueberziehen. Ausser einem szenischen Dialog gibts keine Performance- oder Spoken Word Poetry. Der Verstaerker ist eher ein Spielzeuggeraet und verbessert die Verstaendlichkeit nicht. Alle Dichter und Dichterinnen sind Weiss und lesen stolpernd vom Blatt. Verstehe wenig. Irgendwann geht Jason auf die Buehne und kuendigt mich grossspurig an. Mein erster Auftritt in den USA funktioniert trotz Jetlag-Muedigkeit und unbrauchbarem Mikro gut. Ich verkaufe sogar einige CDs.

 

Das Bild das Jason von meinem ersten Auftritt mit seinem Treo Palm Pilot geschossen hat, gibt meinen Zustand nach 48 Stunden auf den Beinen treffend wieder.

 

 

Die naechsten Tage habe ich keine Auftritte. Nutze die Zeit, ein bisschen von Chicago zu sehen. Mit der alten Hochbahn, die im Wesentlichen noch aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammt, und die nur EL (Electric) genannt wird, fahre ich mit Jason Downtown. Die EL-Stationen sind ein Gewirr von rostigen Stelzen, geschwungenen  Eisenteilen, die Bahnsteige mit geteerten Holzbohlen ausgestattet. Wenn es warm wird,  beginnt der Teer zu schwitzen und bleibt an den Schuhsolen kleben. Doch meist blaest hier oben der beruehmte eisige Chicagoer Wind (der der Stadt den Beinamen Windy City gab). Insgesamt ist das Oeffentliche Nahverkehrssystem der CTA weitaus effektiver, als ich mir das vorgestellt haette. Bahnen und Busse fahren fuer einen Einheitspreis von $1.75 im 10 - 15 Minuten Takt bis spaet in die Nacht und einige sogar die ganze Nacht durch. Es gibt elektronische Fahrkarten, die beliebig aufladbar sind. Doch auch das Radfahren wird durch die Stadt gefoerdert. Immer mehr Radwege durchziehen die Stadt. Die Busse haben seit neuestem ein Klappgestell am Bug, mit dem sie Fahrraeder aufnehmen koennen, auch wenn dessen Bedienung eine gewisse Geschicklichkeit erfordert. Ich habe mehrfach Leute an dem Mechanismus verzweifeln sehen.  Autofahrern versucht man hingegen das Leben mit drastischen Parkgebuehren schwer zu machen. Auf keinen Fall sollte man jedoch als Radfahrer auf dem Buergersteig fahren. Deutliche Warnschilder weisen darauf hin, dass man fuer dieses Vergehen verhaftet werden kann. Leg dich bloss nicht mit der Polizei in Chicago an, warnt mich Jason. Die Cops hier gelten als nicht sehr diskussionsfreudig.

 

 

Sheridan-Station nahe Jasons Wohnung

 

Waehrend Lakeview ein gemuetliches Wohnviertel mit vielen kleinen Geschaeften in kleinen Holz- oder Backsteinhauschen ist, platzt die Downtown-Region fast vor Energie. Abgefahrene Architekturexperimente und eine hundertfuenfzigjaehrige Geschichte des Wolkenkratzerbauens. Trotz der imposanten Gebaeude ist die Innenstadt erstaunlich angenehm fuer Fussgaenger. Der liberale Buergermeister Richard Daley habe einiges fuer die Wiederbelebung der Innenstadt getan, so Jason. Die Bandenkriege mit Hilfe des FBI beendet. Die grossen Theater wieder eroeffnet. Parks angelegt. Zwischen den Hochhaeusern Skulpturen von Picasso, Calder, Miro, Chagall.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Chicago ist eine Stadt der Schriftsteller, sagt Jason. Eine unglaubliche Dichte an Buchlaeden und laut Programmzeitschrift etwa 40 Lesungen und Open Mikes jede Woche scheinen das zu belegen. Jasons Lieblingsbuchladen ist Quimbys (www.quimbys.com) an der North Ave im Wicker Park Viertel. Quimbys fuehrt zahlreiche Underground Publikationen, Fanzines, Poetry Magazine, Musikbuecher, Art-Comics, nimmt aber auch selbstpublizierte Buecher lokaler Autoren  in die Regale.

 

 

Treffe in der ersten Woche in Chicago einen Haufen interessanter Leute, viele davon typische Slacker, ein Begriff, den mir Jason mit Ueberlebenskuenstler uebersetzt. Jason ist so ein Slacker. Mir wird nie ganz klar, wovon er eigentlich existiert, aber meistens ist er ziemlich pleite. Als Kettenraucher dreht er den billigen Top-Tabak, das Paeckchen so teuer wie ein EL-Ticket. Eine warme Mahlzeit kann er sich nicht taeglich leisten. Eine Krankenversicherung hat er ebenso wenig wie viele andere Amerikaner. Durch eine unbehandelte Ohrenentzuendung ist er fast taub, hoert nur noch mit Hilfe eines Hoergeraetes.

 

 

 

Am Memorial Day Barbeque bei Guy Harbuck, mit Jason, Dave, der eine zeitlang in Daenemark gearbeitet hatte, Garth und einer wenig gespraechigen Ex-Studentin von Garth. Guy hat ein geschmackvoll eingerichtetes Haus und eine wandhohe Fahne mit Leninkonterfei, die den Leninlook von Garth gut ergaenzt. Guy betreibt eine Adult Homepage (www.guy.com), auf der er u.a. Computerspiele und Samuraischwerter verkauft. Er ist ein Patron der armen Dichter, die er ebenso wie Garth haeufig zu Parties einlaedt.

 

 

Garth und Dave

 

Guy

 

 

Eric, den Schoenling der Szene, finden wir hinterher im Long Room, einer Bar an der Ecke Irving Park Road/Ashland, Treffpunkt von Mitgliedern einer Tanz- und Theatercompany. Viele junge huebsche Menschen hier. Eric ein hochgewachsener braungebrannter, muskuloeser  Sunny Boy, von Frauen umschwaermt. Sein Geschaeft ist es schwarze Tickets vor Konzerten zu verkaufen - weltweit. Ausserdem hat er gerade eine T-Shirt Company eroeffnet.

 

Dinner bei Scott Ridgeway und Mary Ann. Mit Scott bespricht Jason seine Romane. Mary Ann baut skurrile Spielzeuge. Scott ist Schriftsteller und Maler, Zyniker, militanter Atheist und Misanthrop, nichtsdestotrotz mit grossen Plaenen, schreibt u.a. Theaterstuecke, TV-Scripts, Spionage Romane, ist im Kontakt mit dem CIA, sagt von sich selbst, dass ein sehr grosses Ego hat. Er behauptet, von der britschen Royal Family abzustammen. Er sei in seiner Kindheit von einem Onkel vergewaltigt worden und will diesen jetzt verklagen. Jetzt stellt sich die ganze Familie gegen ihn. Er hat eine Rueckenverletzung und bekommt Unmengen Painkiller verschrieben, die er freigiebig an seine Freunde weiterreicht. Auch er unterhaelt einen Weblog, in dem er unter dem Namen Johnny Pain veroeffentlicht: www.ebloggy.com/blog.php?username=johnnypain

 

James faehrt Lebensmittel fuer einen Grocery Store aus. Aber eigentlich ist er Musiker und Comedy Autor. Er lebt im Haus seiner Mutter im Vorort Lake Bluff. Eine Zeitlang hat er als Bagger gearbeitet, jemand, der die  Lebensmittel fuer Kunden in Papiertueten packt. Er laedt mich ein, mit ihm ein paar improvisierte Aufnahmen in einem Studio in Hammond, Indiana (suedlich von Chicago) zu machen. Fahrt durch das grosse Schwarzenghetto South Chicago. Hammond  ist ein ziemlich heruntergekommener Industrieort, mit einer meist arbeitslosen und deklassierten weissen Bevoelkerung, die sich aber vermutlich trotzdem fuer etwas Besseres, als ihre schwarzen Nachbarn haelt. Angeblich Hochburg des Ku-Klux-Clans. James mag die trashige Atmosphaere hier.

 

 

James und Studiotechniker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im kleinen Basement Studio produziert James waberige Sounds mit einem Roland-Analog Synthie von 1980, ueber die ich abstrakte Stimmsounds legen. Spassig auch die gemeinsamen Stimmimprovisationen ueber herumliegende Songtexte und Nonsenseuebersetzungen meiner Texte. Zum Abschluss schlaegt James einen Ausflug in den Strip-Club Wiggles vor. Winziger Laden mit grosser Leuchtreklame in the middle of nowhere. Mehr Taenzerinnen als Gaeste, zwei etwas magersuechtige Schwarze, eine Hoch-Schwangere und gelegentlich  zieht sich auch noch die schon nicht mehr ganz taufrische Frau des Barmanns aus und zeigt stolz ihre Fastfoodpolster.  James kippt einen Whiskey nach dem anderen und ist bald in Stimmung fuer ein paar Private Dances (1x 20$, 2x30$). Leider ist kaeuflicher Sex weitgehend illegal oder von seltsamen Gesetzen begleitet. So darf Alkohol nur in Bars ausgeschenkt werden,  in denen die Frauen ihre Nippel bedecken. Echte Topless Bars muessen Alkfrei bleiben. James findet kaeuflichen Sex ehrlich. An Beziehungen und Liebe glaubt er nicht.

 

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