
Sitze mit dem Schriftsteller Jason
Pettus und seinem Freund Garth Katner vor dem Cafe Intelligentsia am Broadway.
Diskutieren ueber Dada, Politik, Poetry Slam, deutsche Bands (Kraftwerk, Einstuerzende
Neubauten und Nena) und ueber Trinkgeldregeln.
Jason war Ende der 90er Jahre ziemlich aktiv in
der Poetry Slam Szene, hauptsaechlich um huebsche Maedels kennenzulernen, wie
er gesteht. 1997 landete er mit dem Chicago Slam Team auf Platz 2 bei den US
Nationals und war 2001 verantwortlich fuer das Rahmenprogramm zum 15jaehrigen
Jubilaeums National Slam in Chicago. Doch jetzt hat er sich aus der Szene
zurueckgezogen. Schreibt Romane, Kurzgeschichten, Journalistisches, das er,
ebenso wie ein Online-Journal hauptsaechlich auf seiner Homepage: www.jasonpettus.com veroeffentlicht.
Jason meint, die Szene habe sich in
den letzten Jahren sehr veraendert, sei nicht mehr so vielseitig und offen wie
frueher. Der Stil habe sich vereinheitlicht und die politisch korrekte
Botschaft sei extrem wichtig geworden. Mit seinen White-Trash Geschichten sei
er irgendwann angeeckt. Auch mit dem Slamgruender Marc Smith www.slampapi.com kommt er nicht mehr so gut
zurecht. Marc wuerde eifersuechtig darauf wachen, dass niemand anderes neben
ihm zu wichtig oder erfolgreich werde. Eigentlich ein Wunder, dass es in einer Stadt von der Groesse Chicagos
mit einer gigantischen Poetry Szene nur einen einzigen Poetry Slam gibt. Ich
hoffe, du verstehst, sagt Jason, dass ich zu deinem Auftritt in Marcs Green
Mill Club nicht mitkommen kann.
Garth ist einer seiner besten
Freunde. Als ehemaliger Professor fuer International Studies hat er Jason zu seiner
Deutschlandtournee ueberredet. Finanziert wurde die Tour durch Spenden seiner
Online Leser, die Garth auf seinem Konto gesammelt hat. (Jason hat weder ein
Konto noch eine Kreditkarte, noch ein Auto). Garth hat seine akademische
Karriere aufgegeben, um bei diversen Hilfsorganisationen in Krisengebieten auf
dem Balkan, im Mittleren Osten und
in Zentralasien zu arbeiten. Er ist zum Judentum uebergetreten und arbeitet
jetzt fuer eine interreligioese Jungendorganisation. Besonders religioes wirkt
er jedoch nicht. Er hat einen ziemlich subtilen Humor und eine grundsaetzlich
ironische Haltung, gelegentlich ins leicht Zynische abgleitend.

Mein Quartier in der Abstellkammer von Jasons
kleinen Slacker Appartement..
Ausgestreckt ragen die Fuesse ein wenig ins Bad. Macht nix.
Kreuzung Broadway/Diverse
Dies ist mein
Lieblingsplattenladen, dies ist ein guter Buchladen, dies ist noch eine echte
Nachbarsschaftskneipe...hier gibts das beste Chili im Viertel. Jason ist ganz versessen darauf und
stolz, mir sein geliebtes Chicago zeigen zu koennen.
Noch am Abend des ersten Tages
schleppt mich Jason zu einem Open Mike im Rogers Park Viertel im Norden
Chicagos. Das Cocoa Beans Open Mike ist eine Art offenes Wohnzimmer im
Erdgeschoss eines etwas abgenutzten viktiorianischen Haeuschens. Die Buehne im
Erker. Ein Dutzend Schreiberlinge raekeln sich in leicht vergammelten Sofas,
Wohnzimmeratmosphaere. Collegekids und obdachlose Punks, skurrile
Aussenseitertypen mit Tics und einer Neigung das Zeitlimit (10min) zu ueberziehen.
Ausser einem szenischen Dialog gibts keine Performance- oder Spoken Word
Poetry. Der Verstaerker ist eher ein Spielzeuggeraet und verbessert die
Verstaendlichkeit nicht. Alle Dichter und Dichterinnen sind Weiss und lesen
stolpernd vom Blatt. Verstehe wenig. Irgendwann geht Jason auf die Buehne und
kuendigt mich grossspurig an. Mein erster Auftritt in den USA funktioniert
trotz Jetlag-Muedigkeit und unbrauchbarem Mikro gut. Ich verkaufe sogar einige
CDs.

Das
Bild das Jason von meinem ersten Auftritt mit seinem Treo Palm Pilot geschossen
hat, gibt meinen Zustand nach 48 Stunden auf den Beinen treffend wieder.
Die naechsten Tage habe ich keine
Auftritte. Nutze die Zeit, ein bisschen von Chicago zu sehen. Mit der alten
Hochbahn, die im Wesentlichen noch aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammt,
und die nur EL (Electric) genannt wird, fahre ich mit Jason Downtown. Die
EL-Stationen sind ein Gewirr von rostigen Stelzen, geschwungenen Eisenteilen, die Bahnsteige mit
geteerten Holzbohlen ausgestattet. Wenn es warm wird, beginnt der Teer zu schwitzen und bleibt an den Schuhsolen
kleben. Doch meist blaest hier oben der beruehmte eisige Chicagoer Wind (der
der Stadt den Beinamen Windy City
gab). Insgesamt ist das Oeffentliche Nahverkehrssystem der CTA weitaus
effektiver, als ich mir das vorgestellt haette. Bahnen und Busse fahren fuer
einen Einheitspreis von $1.75 im 10 - 15 Minuten Takt bis spaet in die Nacht
und einige sogar die ganze Nacht durch. Es gibt elektronische Fahrkarten, die
beliebig aufladbar sind. Doch auch das Radfahren wird durch die Stadt
gefoerdert. Immer mehr Radwege durchziehen die Stadt. Die Busse haben seit
neuestem ein Klappgestell am Bug, mit dem sie Fahrraeder aufnehmen koennen,
auch wenn dessen Bedienung eine gewisse Geschicklichkeit erfordert. Ich habe
mehrfach Leute an dem Mechanismus verzweifeln sehen. Autofahrern versucht man hingegen das Leben mit drastischen
Parkgebuehren schwer zu machen. Auf keinen Fall sollte man jedoch als Radfahrer
auf dem Buergersteig fahren. Deutliche Warnschilder weisen darauf hin, dass man
fuer dieses Vergehen verhaftet werden kann. Leg dich bloss nicht mit der
Polizei in Chicago an, warnt mich Jason. Die Cops hier gelten als nicht sehr
diskussionsfreudig.

Waehrend Lakeview ein gemuetliches
Wohnviertel mit vielen kleinen Geschaeften in kleinen Holz- oder
Backsteinhauschen ist, platzt die Downtown-Region fast vor Energie. Abgefahrene
Architekturexperimente und eine hundertfuenfzigjaehrige Geschichte des
Wolkenkratzerbauens. Trotz der imposanten Gebaeude ist die Innenstadt
erstaunlich angenehm fuer Fussgaenger. Der liberale Buergermeister Richard
Daley habe einiges fuer die Wiederbelebung der Innenstadt getan, so Jason. Die
Bandenkriege mit Hilfe des FBI beendet. Die grossen Theater wieder eroeffnet.
Parks angelegt. Zwischen den Hochhaeusern Skulpturen von Picasso, Calder, Miro,
Chagall.


Chicago ist eine Stadt der Schriftsteller,
sagt Jason. Eine unglaubliche Dichte an Buchlaeden und laut Programmzeitschrift
etwa 40 Lesungen und Open Mikes jede Woche scheinen das zu belegen. Jasons
Lieblingsbuchladen ist Quimbys (www.quimbys.com)
an der North Ave im Wicker Park Viertel. Quimbys fuehrt zahlreiche Underground
Publikationen, Fanzines, Poetry Magazine, Musikbuecher, Art-Comics, nimmt aber
auch selbstpublizierte Buecher lokaler Autoren in die Regale.

Treffe in der ersten Woche in
Chicago einen Haufen interessanter Leute, viele davon typische Slacker, ein
Begriff, den mir Jason mit Ueberlebenskuenstler uebersetzt. Jason ist so ein Slacker. Mir wird
nie ganz klar, wovon er eigentlich existiert, aber meistens ist er ziemlich
pleite. Als Kettenraucher dreht er den billigen Top-Tabak, das Paeckchen so teuer wie ein EL-Ticket.
Eine warme Mahlzeit kann er sich nicht taeglich leisten. Eine
Krankenversicherung hat er ebenso wenig wie viele andere Amerikaner. Durch eine
unbehandelte Ohrenentzuendung ist er fast taub, hoert nur noch mit Hilfe eines
Hoergeraetes.
Am Memorial Day Barbeque bei Guy
Harbuck, mit Jason, Dave, der eine zeitlang in Daenemark gearbeitet hatte,
Garth und einer wenig gespraechigen Ex-Studentin von Garth. Guy hat ein
geschmackvoll eingerichtetes Haus und eine wandhohe Fahne mit Leninkonterfei,
die den Leninlook von Garth gut ergaenzt. Guy betreibt eine Adult Homepage (www.guy.com), auf der er u.a. Computerspiele
und Samuraischwerter verkauft. Er ist ein Patron der armen Dichter, die er
ebenso wie Garth haeufig zu Parties einlaedt.

Guy
Eric, den Schoenling der Szene,
finden wir hinterher im Long Room,
einer Bar an der Ecke Irving Park Road/Ashland, Treffpunkt von Mitgliedern
einer Tanz- und Theatercompany. Viele junge huebsche Menschen hier. Eric ein
hochgewachsener braungebrannter, muskuloeser Sunny Boy, von Frauen umschwaermt. Sein Geschaeft ist es
schwarze Tickets vor Konzerten zu verkaufen - weltweit. Ausserdem hat er gerade
eine T-Shirt Company eroeffnet.
Dinner bei Scott Ridgeway und Mary
Ann. Mit Scott bespricht Jason seine Romane. Mary Ann baut skurrile Spielzeuge.
Scott ist Schriftsteller und Maler, Zyniker, militanter Atheist und Misanthrop,
nichtsdestotrotz mit grossen Plaenen, schreibt u.a. Theaterstuecke, TV-Scripts,
Spionage Romane, ist im Kontakt mit dem CIA, sagt von sich selbst, dass ein
sehr grosses Ego hat. Er behauptet, von der britschen Royal Family abzustammen.
Er sei in seiner Kindheit von einem Onkel vergewaltigt worden und will diesen
jetzt verklagen. Jetzt stellt sich die ganze Familie gegen ihn. Er hat eine
Rueckenverletzung und bekommt Unmengen Painkiller verschrieben, die er
freigiebig an seine Freunde weiterreicht. Auch er unterhaelt einen Weblog, in
dem er unter dem Namen Johnny Pain veroeffentlicht: www.ebloggy.com/blog.php?username=johnnypain
James faehrt Lebensmittel fuer
einen Grocery Store aus. Aber eigentlich ist er Musiker und Comedy Autor. Er
lebt im Haus seiner Mutter im Vorort Lake Bluff. Eine Zeitlang hat er als
Bagger gearbeitet, jemand, der die
Lebensmittel fuer Kunden in Papiertueten packt. Er laedt mich ein, mit
ihm ein paar improvisierte Aufnahmen in einem Studio in Hammond, Indiana
(suedlich von Chicago) zu machen. Fahrt durch das grosse Schwarzenghetto South
Chicago. Hammond ist ein ziemlich
heruntergekommener Industrieort, mit einer meist arbeitslosen und deklassierten
weissen Bevoelkerung, die sich aber vermutlich trotzdem fuer etwas Besseres,
als ihre schwarzen Nachbarn haelt. Angeblich Hochburg des Ku-Klux-Clans. James
mag die trashige Atmosphaere hier.

James und Studiotechniker

Im kleinen Basement Studio
produziert James waberige Sounds mit einem Roland-Analog Synthie von 1980, ueber
die ich abstrakte Stimmsounds legen. Spassig auch die gemeinsamen
Stimmimprovisationen ueber herumliegende Songtexte und Nonsenseuebersetzungen
meiner Texte. Zum Abschluss schlaegt James einen Ausflug in den Strip-Club Wiggles vor. Winziger Laden mit grosser Leuchtreklame
in the middle of nowhere. Mehr Taenzerinnen als Gaeste, zwei etwas
magersuechtige Schwarze, eine Hoch-Schwangere und gelegentlich zieht sich auch noch die schon nicht
mehr ganz taufrische Frau des Barmanns aus und zeigt stolz ihre Fastfoodpolster. James kippt einen Whiskey nach dem
anderen und ist bald in Stimmung fuer ein paar Private Dances (1x 20$, 2x30$).
Leider ist kaeuflicher Sex weitgehend illegal oder von seltsamen Gesetzen begleitet.
So darf Alkohol nur in Bars ausgeschenkt werden, in denen die Frauen ihre Nippel bedecken. Echte Topless Bars
muessen Alkfrei bleiben. James findet kaeuflichen Sex ehrlich. An Beziehungen
und Liebe glaubt er nicht.