A lesson in Poetry Slam history, Chicago 13.6.04. - 14.6.04

 

Wieder in Chicago. Heute steht mein Auftritt als Featured Poet im beruehmten Green Mill Club auf dem Programm, dem Ort, an dem Mitte der 80er Jahre der ehemalige Bauarbeiter Marc Kelley Smith die Idee des Poetry Slam entwickelte. Fuer Leute aus der Szene ist es weit ueber die Grenzen der Vereinigten Staaten das Mekka des Poetry Slam und Marc Smith ist fuer Alle der Slampapi (www.slampapi.com). Seit fast 20 Jahren moderiert er jeden Sonntag den Uptown Poetry Slam. Marc hatte ich anlaesslich des German International Poetry Slam 2002 in Bern kennengelernt. Auf meiner anschliessenden Tour durch die Schweiz, Oesterreich und Sueddeutschland bin ich ihm immer wieder begegnet und wir sind auch zusammen aufgetreten. Marc war mir sofort sympathisch. Ein unkomplizierter humorvoller Typ mit Reibeisenstimme. Ein nichtintellektueller Blue Collar (Arbeiter) Typus, ohne jede Maniriertheit. Ueberzeugter Gewerkschafter und wohl einer der letzten Sozialisten der USA. Bei alledem ein extrem professioneller Perfomer. Bei einem gemeinsamen Gastauftritt in Timo Brunkes Show im Theaterhaus Stuttgart nervte Marc die Licht- und Tontechniker mit seinen hypergenauen Vorstellungen.  Seine Performances, auch wenn sie gelegentlich etwas ins Pathetische rutschen, haben trotzdem eine Intensitaet, die das Publikum sofort in ihren Bann zieht. Letztenendes war es auch Marc, der mich ueberzeugt hat, den German International Poetry Slam 2003 (www.slam2003.de) trotz aller Widrigkeiten mitzuveranstalten.

Jason hatte urspruenglich nicht vor, mich zu meinem Auftritt ins Green Mill zu begleiten. Er habe sich aus der Szene zurueckgezogen und auch mit Marc Smith komme er nicht mehr so gut zurecht. Es sei halt einfacher mit ihm auszukommen, wenn man nicht in der gleichen Stadt wohnen muesse. Doch nun hat er sich von meiner Begeisterung anstecken lassen. Seine ganze Clique will mich begleiten.


 links Marie Ann und Scott, rechts Stilleben mit Kippen und Cevapcici

 

Um den Anlass richtig zu wuerdigen, geben seine Freunde Garth und Dave eine Pre-Show Party am Nachmittag. Garth und Dave wohnen in Lincoln Square, dem deutschesten Viertel in Chicago. Nette kleine Backsteinhaeuschen, Wurstlaeden, Oktoberfest, Mai-Fest und gelegentliche Umpa-Bands, wie hier deutsche Blaskapellen genannt werden. Jason ist voellig aufgedreht und schon nach kurzem reichlich betrunken. Ich gebe mir Muehe nuechtern zu bleiben, da ich heute Abend eine vernuenftige Performance im Green Mill Club abliefern will. Zum Schluss erscheint noch  Kate, die das Open Mike im Cocoa Beans veranstaltet. Auch sie voellig aufgedreht, aber das ist ja bei ihrem diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom Normalzustand.

Kate & Guy

 

Der Green Mill Club war einst Stammclub des beruehmtesten Chicagoer Gaengsters Al Capone. Nicht nur der Club, das gesamte Uptown Stadtviertel ist von Al Capone fuer sich und seine Kumpels aus dem Boden gestampft worden, erzaehlt Jason. Theater, Clubs, luxurioese Wohnhaeuser. Doch die Mafia ist laengst abgezogen  und mit ihr der Glamour. Der Stadtteil zaehlt heute nicht mehr zu den Besten. Der Green Mill Club ist eines der wenigen Ueberbleibsel aus jener Zeit. Er strahlt noch immer die Atmosphaere eines Nachtclubs der 20er Jahre aus. Edle Hoelzer, lauschige Sitzgruppen.  Marc Smith sitzt alleine an der Bar neben der Juke Box.

 

 

 

Auch James ist gekommen und die Betreiberin des Cocoa Bean Cafes und Freundin von Kate. A.G., vorhin noch solo von seinen Frauenabenteuern in Schottland erzaehlend, hat jetzt eine huebsche Blondine dabei. Jasons Sexpartnerin Lisl sitzt ploetzlich neben ihm. Mein Fanclub ist ziemlich angewachsen, ziemlich betrunken und lautstark.

 

mein Fanclub

Die Show beginnt mit einer Jazzband. Anschliessend performt Marc ein Gedicht von Walt Whitman und erklaert die Regeln. Das Publikum bekommt verschiedene ritualisierte Aeusserungsformen angeboten. Wenn etwas nicht so toll ist, Fingerschnipsen. Wenn es schlecht ist, Trampeln und Stoehnen. Bei sexistischen Texten, das feministische Zischen (heutzutage fuer alles, was ein Mann auf der Buehne macht) oder den maskulinen Grunzer. Viele im Publikum sprechen die Regeln mit. Seit Jahren sagt Marc offenbar das Gleiche und dennoch wirkt es immer noch lebendig. Allerdings ist es bei weitem nicht so voll, wie ich das erwartet hatte. Die Tische sind alle besetzt, aber im Raum ist noch viel Luft. Ich schaetze, es sind zwischen fuenfzig und siebzig Besucher anwesend. Vielleicht liegt es ja auch an der Jahreszeit.

 

Die Show hat drei Hauptteile. Ein Open Mike mit  sechs Dichtern, dann einen Feature Spot, danach dann der eigentliche Poetry Slam mit weiteren sechs Dichtern im Wettbewerb. Wer zum ersten mal bei dieser Veranstaltung liest ist ein virgin, wer ueberhaupt zum ersten mal auf einer Buehne steht ist ein virgin-virgin. Virgins bekommen gegenueber den Stammgaesten einen bevorzugten Platz. Alle Dichter haben die Moeglichkeit mit der Band zusammen zu arbeiten. Die meisten Open Mike Dichter sind noch sehr unprofessionell, einige stehen tatsaechlich zum ersten Mal auf einer Buehne. Die virgins werden vom Publikum mit grosser Sympathie behandelt, auch wenn ihre Texte nicht so toll sind. Einzig Garth und Dave finden Spass daran, das Fingerschnipsen auf virgins anzuwenden. Eine Frau redet von den Freuden der Geburt. Ein Japaner stottert einen end- und ziellosen Text, Maria, eine hagere aeltere Schwarze, die regelmaessig hier ist bringt ein Cover von Harry Belafontes Banana Boat Song als race identity poem. Sie hat eine eindringliche Stimme und eine Message in nette Musik verpackt - das kommt an. Don't mess with Maria, kommentiert Marc, she was in the US Marine Corps!

 

Marc, der eben noch harmlos an der Theke sass, ist jetzt in seinem Element. Auch wenn er von audience control spricht, tatsaechlich kontrolliert er das Publikum mit seiner magischen Persoenlichkeit und seiner Energie. Er springt herum, macht launige Bemerkungen ueber die Dichter, traegt Klassiker der amerikanischen Literatur vor, singt mit der Band. Im Grunde ist er der Star des Abends.

Zwischen dem Open Mike und dem eigentlichen Slam ist mein Feature platziert. Ich habe mein Programm nach den gestrigen Erfahrungen etwas umgestellt und mehr wortorientierte und sprachspielerische Texte aufgenommen und den soundpoetischen Anteil etwas reduziert. Zum Abschluss mache ich zwei Texte mit Band, meinen Klassiker im 3/4 Takt Dumpf Dada Eutsch Walze und mein einziges Liebesgedicht The Difference, ein neues kurzes wortspielerisches Gedicht, mit Bandbegleitung noch romantischer - ein schoener Ausklang. Dazwischen habe ich meine krasseren Texte wie Nie oder Spei gesteckt. Das Konzept scheint aufzugehen. Das Publikum tobt - na ja, zumindest meine 10 Freunde machen Laerm fuer 100.

 

Nach meinem Feature folgt als dritter Teil der Show der eigentliche Slam mit Wettbewerb. Doch Marc nimmt es mit den Regeln nicht so genau. Es gibt kein praezises Zeitlimit. Anstatt der ueblichen fuenf Juroren aus dem Publikum tun es hier auch drei. Auch die Slammer duerfen mit der Band arbeiten und manchmal beginnt die Band zu spielen, ohne die Dichter zu fragen. Viele Gesichter aus dem Open Mike tauchen hier wieder auf, so Maria, mit weiteren Race Identity Poems ueber weisse Fieslinge, die unschuldige schwarze Frauen von den EL-Plattformen stossen. Meine Freunde stoehnen hoerbar.

Kate tritt mit einem sehr ausgetickten Text an, den sie Schoenling A.G. widmet. Today is the day you are going to die! kreischt sie in seine Richtung und wirkt wirklich so, als ob sie gleich das Messer auspacken wuerde. Ihre Performance ist grenzwertig, aber nicht schlecht. Doch den Juroren gefaellt es nicht. Kate beschimpft die Juroren, Marc Smith und alle anderen. Der Laden hier sei sowieso die letzte Scheisse. Sie wuesste ja, dass man sie hier nicht mag, aber sie geht trotzdem auf die Buehne.

Insgesamt ist der Slam so unspektakulaer wie das Open Mike. Maria gewinnt. Zum Abschluss ruft Marc Smith die Zuschauer auf, auf die Buehne zu kommen und zu sagen, was sie heute so richtig angekotzt haette - bei der Show - im Leben. Der erste Zuschauer wird von seiner Freundin auf die Buehne getrieben und weiss eigentlich gar nicht, was er sagen soll. Mit zarter Stimme antwortet er schliesslich auf Marcs Frage, ob ihn vielleicht alles ankotze? Ja, genau, Alles. Er ist nicht sehr ueberzeugend. Schliesslich stuermt James die Buehne. Er ist die richtige Besetzung fuer diesen Pissed Off Part der Show. Ein verarmter weisser Mittelklasse Boy mit sexuellen und emotionalen Frustrationen, die er sich nun zu einem infernalischen Background von Tango Free Jazz und der rhythmisch wiederholten Frage von Marc: Are you pissed off? von der Seele bruellt. James kotzt es an, dass man alle seine Lieblingsstriplokale zumacht. Das macht ihn richtig boese. In dem Mann steckt einiges an Aggression. Ich denke nur, hoffentlich hat James keine Waffe bei sich zu Hause. Lisl, die Sexpartnerin von Jason ist ganz begeistert von James pissed off Ausbruch und gesteht ihm, dass sie selbst gerne mal strippen wuerde.

 

 

Schlafe heute Abend bei Marc, der nach der Show geschrumpft wirkt, ein kleiner, mueder, alter Mann. Ebenso wie Garth wohnt er im Deutschen-Viertel Lincoln Parc. Er lebt offenbar allein in einem mit geschmackvollen und teuren Antiquitaeten eingerichteten Haeuschen. Extrem ordentlich, sauber, fast spiessig. Am naechsten Morgen mexikanisches Fruehstueck und Interview mit Marc und seiner Sekretaerin. Marc erzaehlt, wie Poetry Slam begonnen hat, damals 1986 im Green Mill Club. Die Idee der Performance Poetry sei aber schon 1984 in einem winzigen Jazzclub, der Get Me High Lounge entstanden. Dort habe er das Chicago Poetry Ensemble gegruendet, habe sich Leute zusammengesucht, die etwas Ungewoehnliches machen. Dann sei man mit einem Programm von eigenen und fremden Texten durch die Stadt getourt. 1986 habe er dann das Angebot bekommen jeden Sonntag Abend im Green Mill Club eine Poetry Show zu machen. Der Schwerpunkt habe immer noch auf dem Chicago Poetry Ensemble gelegen  und der Poetry Slam sei als zusaetzlicher Programmpunkt am Ende der Show eingefuehrt worden. Anfangs habe es auch gar keinen Wettbewerb gegeben. Nach und nach sei der Poetry Slam immer wichtiger geworden. Zuschauer haetten die Idee in andere Staedte getragen und die Slambewegung wurde  geboren.

 

Fuer Marc ist Poetry Slam die Verbindung zwischen Performance und Poesie. Der Wettbewerb sei nur ein dramaturgisches Mittel, um Spannung zu erzeugen. Wichtig ist ihm die groesstmoegliche Einbeziehung des Publikums. Den Dachverband Poetry Slam Inc. (PSI) sieht er recht kritisch. Er haette sich lange dagegen gewehrt, den Slam zu institutionalisieren. Schliesslich habe er PSI dann doch mit initiiert, vor allem um zu verhindern, dass eifrige Geschaeftemacher von ausserhalb der Szene die Idee vermarkten und von der Grassroots-Bewegung in eine Kommerzbewegung verwandeln. Es sei auch darum gegangen, den Begriff  Poetry Slam zu schuetzen, was aber letztlich nicht gelungen sei. PSI habe zu einer Buerokratisierung und Vereinheitlichung der Szene gefuehrt, andererseits habe man auch die Chance die PSI zu einer der wichtigsten literarischen Institutionen im Land aufzubauen. Er haelt es allerdings fuer Unsinn, dass viele lokale Slams die strengen National Slam Regeln einfach uebernehmen. Das sei phantasielos. PSI wuerde lediglich vorschreiben, dass ein Slam mindestens sechs Mal im Jahr stattfindet, ein durchschnittliches Mindestpublikum von 30 Personen hat und offen fuer alle Interessierten ist.

 

Die Beat Poeten sind fuer ihn weder Vorlaeufer noch Inspiratoren. Eine Gruppe junger Mittelklasse-Schnoesel, die sich absonderten und fuer etwas Besseres hielten, obwohl ihre Gedichte schlechter waren, als das meiste was sonst zu dieser Zeit geschrieben wurde, zischt Marc. Eine arrogante und elitaere Gruppe. Slam ist das genaue Gegenteil. Der Slam ist eine soziale Bewegung und moechte moeglichst viele Menschen einbeziehen. Er sei mehr vom Folk-Movement der 60er beeinflusst gewesen, dem Free Speech Movement, ebenso wie vom Cabaret und Vaudeville. Beim Thema Kommerzialisierung erregt er sich ziemlich. Niemand kann sich mit den Massenmedien einlassen und nicht korrumpieren, sagt er, gemuenzt auf TV-Shows wie Def Poetry Jam oder Poetry Clips auf MTV. Er haette zahlreiche Gelegenheiten im Fernsehen aufzutreten, abgelehnt. Junge Dichter sehen die Stars im Fernsehen und haben nur einen Wunsch, so zu werden wie sie und ins Fernsehen zu kommen. Als ich ihn nach seinem eigenen Verhaeltnis zu den Massenmedien frage, druckst er etwas herum. Es ist etwas anderes, wenn jemand jahrzehntelang unter vielen Muehen an seiner Poesie arbeitet und dann dafuer honoriert wird, als wenn junge Kids ueber Nacht zu Medienstars aufgebaut werden, rechtfertigt er sich. Da hat er natuerlich recht. Trotzdem faellt auf, dass ungeachtet seiner Antikommerzialisierungslitaneien er sicher eine der wenigen Personen ist, die gut am Slam verdienen. Argwoehnisch achtet er darauf, in den Medien als Slamgruender (Papi) praesent zu sein. Ich behaupte nicht, dass er das nicht verdient haette. Er hat unendlich viel Muehe und Energie in diese Szene investiert. Aber ich verstehe langsam, warum Jason und einige andere Leute erhebliche Probleme mit Marc haben. Marc ist, was seine eigene Karriere betrifft, sehr ehrgeizig und moechte nicht, dass ihm da andere zu sehr in die Parade fahren. Dennoch finde ich Marc einen grundehrlichen Typ und die offenste Person (zumindest im Gespraech), die ich in der Slamszene bisher getroffen habe. Deutlich wird auch, dass er eine Bewegung losgetreten hat, die er laengst nicht mehr kontrolliert, die ihr Eigenleben entwickelt hat, das nicht immer konform mit den Ideen des Gruenders geht.

 

AppleMark

Als ich wieder bei Jason bin, hat er einen ziemlichen Filmriss, den gestrigen Abend betreffend. Er erinnert sich nur noch an wilden Sex mit Lisl. Natuerlich erinnert er sich nicht mehr daran, dass wir heute Nachmittag zum Barbeque bei Guy eingeladen sind.

Abends will mich Jason zu einem neuen Poetry Slam namens Mental Graffiti im Wicker Park Viertel mitnehmen. Die Veranstaltung findet im Hinterraum des mexikanischen Big Horse Imbisses statt. Tatsaechlich ist heute kein Poetry Slam sondern Open Mike. Etwa 20 Leute sitzten in einem schlecht beleuchteten und weitgehend leeren Raum locker verteilt auf Barhockern, die meisten davon Dichter. Eine breite Palette an Texten und Typen, vom Cowboypoeten bis zur schwarzen HipHop Mama. Jason liest einen Text von seinem Treo Palm ab. Er stellt mich Nicki Patin vor, eine schwarze Frau von riesigen Ausmassen, trotzdem auf ihre Art huebsch. Sie ist Spoken Word Dichterin, versucht aber gleichzeitig eine Karriere als Soulsaengerin. Ausserdem will sie demnaechst den Slam hier moderieren. Den Veranstalter hat Jason ueberredet, mir ein spontanes Feature zu geben. Da ich gestern im Green Mill Club nicht eine CD verkauft habe, gehe ich diesmal kein Risiko ein und mache ein Set mit meinen eher leicht verdaulichen Texten und verkaufe tatsaechlich  fuenf CDs.

 

Kate hat uns heute noch zu ihrer Geburtstagparty ins Weeds eingeladen. James ist zum Glueck mit dem Auto da und faehrt uns rueber. Er kennt Kate ohnehin aus irgendwelchen Comedy-Zusammenhaengen. Das Weeds ist eine echte dive-bar, Ein etwas heruntergekommener Saloon, den man durch Schwingtueren betritt. Eine massive Theke beherrscht die finstere Bar, hinter der sich ein grosser und grimmig dreinblickender  Indianer verschanzt hat, der nicht immer Lust hat, jeden zu bedienen. Ueber der Bar eine Sammlung BHs. Was wir nicht ahnten, auch im Weeds ist heute Abend Open Mike. Wir haben eigentlich genug von Worten. Aber Goose Pint Bier ist heute im Angebot.

 

Weeds ist laut Jason das aelteste regelmaessige Open Mike in Chicago und laufe schon seit ueber 20 Jahren. Er ist mit dem Host Gregario, einem gemuetlichen aelteren Griechen, gut bekannt. Ich kann es nicht verhindern, dass er uns beide auf die offene Liste setzt. Aber es wird noch ewig dauern, bis wir drankommen. Die meisten Dichter sind grausam schlecht, seltsame wirre Aussenseiter-Typen mit wirren Pamphleten. Angeblich hat Gregario eine Vorliebe fuer diese Klientel, Dichter, die kein anderer Host je auf die Buehne lassen wuerde, Dichter die schon eine Karriere des Herausgeworfen Seins aus verschiedenen Locations hinter sich haben. Neurotische und psychotische Typen, Saeufer, Junkies, Looser. Ein puertoricanischer Dichter  murmelt etwas in einem voellig unverstaendlichen Kauderwelsch aus Spanisch und Englisch. In einer dunklen Ecke neben dem Eingang sitzt ein alter gebeugter Schwarzer mit grauem Kinnbart und Stock, fast regungslos, kaum zu erkennen. Doch ploetzlich wird er wach, springt auf, entert die Buehne und gibt einen wirren antijuedischen Sermon von sich, der kein Ende zu nehmen scheint. Die zionistische Verschwoerung ist ueberall, verkuendet er mit monotoner Stimme,  die Juden unterdruecken die Schwarzen, die Araber, nur, um ihren Raubtierkapitalismus umzusetzen, Profit zu machen. Nur wegen der Juden wurde der Irakkrieg begonnen, behauptet er. Jason fluestert mir zu: das war in den 50er Jahren mal ein hoffnungsvoller Poet, der mit den ganzen Beats herumhing, einer der Leute, um die es angeblich  in Howl ginge, bevor er dann in den 60er Jahren Mitglied der Muslim Legue geworden sei. Seitdem habe er keine Gedichte mehr geschrieben sondern nur noch diese endlosen antizionistischen Pamphlete. Keiner traut sich hier, einen armen, alten schwarzen Mann von der Buehne zu zerren.

 

Das Weeds scheint eine der wenigen Offenen Buehnen in Chicago zu sein, die noch nicht von Rap, Spoken Word und Performance dominiert sind, ein Ort, an dem das literarische Strandgut angeschwemmt wird. Erinnert mich an den traurigen Strip-Club, den ich mit James in Hammond, Indiana gesehen hatte. Auch Kate laesst es sich nicht nehmen und macht einen Geburtstagsauftritt, bei dem sie vorwiegend wilde Flueche auf den Green Mill Club und Marc Smith ausstoesst. Jason liest anschliessend ein Fick-Gedicht fuer Kate, zu dem sie ihren Hintern entbloesst und ihre Fettpoelsterchen wabbeln laesst. Sie ist klein und pummelig und hat die Neigung, viele zu knappe Hosen und Oberteile zu tragen, die ihre Speckroellchen erst richtig zur Geltung bringen.

 

Als ich endlich dran bin, ist es spaet. Gegen meine Gewohnheit habe ich mittlerweile einige Goose Pints intus und verhaspele mich prompt beim ersten Text. Macht nix. Den Leuten hier ist ohnehin alles egal. Ich mache noch ein Nonsense-Uebersetzungspoem mit James, der nach reichlich doppeltem Bourbon Genuss auch alles andere als nuechtern ist. Zum Blues von Sonny Boy Williamson kutschiert und James zu Jasons Bude. Er selbst will zurueck nach Hammond, Indiana und den Rest der Nacht in einem Strip-Club verbringen.

 

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