Iowa? Was wollen Sie denn in Iowa? hatte
mich die Reiseagentin in Frankfurt verstaendnislos gefragt. Iowa gilt selbst
den Amerikanern als einer der langweiligsten und hinterwaeldlerischsten
Bundesstaaten. Iowa ist das klassische Farmerland. Mais, Sojabohnen und
Schweinezucht. Vier Stunden faehrt der Greyhoundbus von Chicago nach Iowa City,
immer Richtung Westen.
Jason und Garth hatten mir eingeschaerft, in
Iowa unbedingt nach cow tipping
zu fragen. Das sei die typische Beschaeftigung gelangweilter Jugendlicher auf
dem Lande, die darin bestehe, ebenso gelangweilte Kuehe umzuwerfen. Wer die
meisten Kuehe umgeworfen hat, hat gewonnen. Hahaha. Natuerlich alles nur eine
kleiner gemeiner Scherz der Grossstaedter gegenueber ihren provinziellen
Nachbarn.
Jetzt stehe ich mit Joe Mirabella, dem lokalen Slammaster, in der Ped Mall (Fussgaengerzone) von Iowa City. Gruppen von langhaarigen Jugendlichen in Schlabberklamotten, dazwischen Rastas und Punks lungern kiffend und rauchend auf den Sitzbaenken oder auf dem Pflaster. Wir holen uns im Cafe und Smokeshop einen Coffee-to-go und beginnen den Rundgang. Headshops, Buchlaeden, Plattenlaeden fuer etwa 30 000 Studenten der University of Iowa, die mindestens die Haelfte der Gesamtbevoelkerung ausmachen. Ein liberaler, ja linker Fleck in einer erzkonservativen Umgebung. Natuerlich hat es auch gegen den Irakkrieg viele Demonstrationen und ein wochenlanges Peace-Camp gegeben.

Joe Mirabella, Jil und Joes Freund Joe

Abends Slam im Green Room. Geraeumiger Irish Pub mit einer grossen Buehne und zwei richtig guten Djs. Die Gemeinde ist klein, ca. 30 Leute (Summertime u. Semesterferien) aber enthusiastisch. Die Regeln, NPS (National Poetry Slam) Standard: 3min. Zeitlimit, 5 Juroren aus dem Publikum halten Tafeln mit Noten 1-10 hoch. Die Poeten lesen meist aus kleinen Notizbuechlein, Texte, die sie z.T. wenige Minuten vorher an der Theke gekritzelt haben. Drei Frauen, drei Maenner. Die einzige freie Performerin des Abends ist ein schwarzes Maedel (sonst fast nur weisse Collegepeople hier), die den Slam auch gewinnt.


Mein Feature ist strategisch
guenstig zwischen zwei Runden gelegt. Das Publikum reagiert enthusiastisch mit
Kreischen, Johlen, Klatschen, vor allem natuerlich auf mein Poem against war (this is a good poem
because war is bad) Urspruenglich ein Verlegenheitsgedicht aus einer Anfrage,
mich an einer Antikriegsanthologie zu beteilige. Verkaufe anschliessend alle
meine Sitzen Gehen Stehen
Buecher, die eigentlich nur als Anschauungsmaterial gedacht waren und einige
CDs.
Aftershow Party bei Torun, der
perfekt Deutsch spricht. Seine Famillie stammt aus Bangladesh, aber er ist in
Muenchen geboren und aufgewachsen. Erst als Jugendlicher ist er mit der Familie
in die USA emigriert.
Hollie die blondgelockte Hippiepoetin im
Indienfransenfummel und ihr Freund Dave, ein etwas aelterer Rasta mit Vollbart
und grosser quadratischer Brille sind dabei. Stoned und besoffen versuche ich
meine poetischen Ideen zu erlaeutern. Wow, stoehnt Dave, der auch schon
ziemlich dicht wirkt. Awesome,
seufzt Holly. Eine schwarze Schoenheit zeigt jedem ihre wunderbaren Boobs
(Brueste) - aber bitte nicht anfassen! Zeph ist da, ein kraeftiger, aber gemuetlicher
Punk, den Joe als seinen Leibwaechter bezeichnet, vermutlich weil er meist
nuechterner als der Rest der Crowd ist. Joe ist ziemlich besoffen und versucht
rudimentaeres Deutsch mit mir zu reden (er ist in Heidelberg geboren, als Sohn
eines italienischen Geschaeftsmannes). Er laedt mich ein, ein paar Tage in Iowa
City zu bleiben, ich koenne am Sonntag noch eine Show, zusammen mit Buddy
Wakefield (www.buddywakefield.com)
machen, dem International Poetry Slam Champion. Buddy ist nach Iowa
zurueckgekommen, weil er betrunken am Steuer erwischt wurde und jetzt eine
48stuendige Gefaengnisstrafe in Iowa antreten muss. Die Stadt mag liberal sein,
doch die Cops sind hart.
Torun verteilt Vodka Cherry Cocktails um jedem
von uns den Rest zu geben. Iowa City ist eine Partytown - for shure, aber good
folks.

Joe
Mirabella und Buddy Wakefield kurz vor Antritt seiner Strafe
Die naechsten Tage wunderbares
Wetter, noch mehr Parties, Barbeques (Joes Partner Joe braet das beste und
dickste Porc Chop meines Lebens) und Dinnereinladungen, u.a. bei einem
lesbischen Paerchen (Dinnereinladungen bedeuten meist Pasta mit Tomatensauce).
Wir holen Buddy Wakefield vom Flughafen ab und deponieren ihn in seinem 48
Stunden Retreat, in dem er
seinen 30. Geburtstag verbringen wird. Kein echtes Gefaengnis sondern ein
Hotel, ausserhalb der Stadt mit spezieller Bewachung, der Auflage, das Hotel
nicht zu verlassen, kein Besuch, keine Telefonate, natuerlich kein Alkohol. Ein
taegliches 8 Stunden Rehabilitationsprogramm, bei dem u.a. Bilder von
schrecklichen Autounfaellen gezeigt werden.

Rumhaengen im Fox Head, einer
typischen dive bar (Jasons
Definition: heruntergekommene Bar mit interessanten Typen), mit muerrischem
Wirt, der sich hauptsaechlich mit den Baseballspielen im TV beschaeftigt.
Treffen Luke, einen Soldaten, der gerade aus Irak zurueck ist. Ich habe
gesehen, wie Kinder Fussball mit menschlichen Schaedeln spielten, murmelt Luke.
Mehr will er nicht erzaehlen, er will sich amuesieren...
Bei vielen Studenten in Iowa City geht die
Angst um, dass sie in den Irak geschickt werden, erzaehlt Joe. Die
Studiengebuehren sind hoch und gerade fuer Studenten aus aermeren Familien ist
es oft die einzige Moeglichkeit, sich das Studium durch eine Verpflichtung bei
der National Guard zu finanzieren. Diese Verpflichtung bedeutete bislang
lediglich ein paar Wochenenden Dienst oder im schlimmsten Falle Einsatz in der
Katastrophenhilfe. Doch nun werden auch National Guard Reservisten in den
Irak-Krieg geschickt und eine Moeglichkeit der Verweigerung gibt es nicht. Auch
Joes Partner steht eine Einberufung ins Haus. Also amuesieren wir uns, solange
es geht, meint Joe, waehrend er einen neuen pitcher bestellt, ein ca. 1,5 Liter Plastikkrug
gefuellt mit dem duennfluessigen PBR (Pabst Blue Ribbon) Bier.
Angeblich war das Fox Head eine der
Lieblingskneipen von Allen Ginsberg und anderen Beatpoeten. Kurt Vonnegut, so
die Legende, sei eines Tages rausgeschmissen worden, weil er darauf bestand,
seinen Drink mit vor die Tuer zu nehmen. Fast ueberall in den USA ist der
Genuss alkoholischer Getraenke auf Strassen und oeffentlichen Plaetzen
verboten.
Iowa City hat eine bereits eine
Menge beruehmter Dichter gesehen, nicht zuletzt wegen seines namhaften
International Writers Programm der Universitaet. Creative Writing ist ein
kompletter Studiengang und gilt als einer der Besten in den USA. Ueberdies findet sich an der Uni ein
Dada-Research-Center mit dem weltweit groessten Dada-Archiv. Die Mehrzahl aller
Publikationen ist mittlerweile online abrufbar (www.lib.uiowa.edu/dada ).
Treffe Christopher Merrill, den
Praesidenten des International Writers Programm, der mir das Programm
erlautert. Kern ist ein Stipendium, dass Schriftsteller aus aller Welt in Iowa
City zusammenbringt, die hier
einige Wochen frei arbeiten und sich austauschen. Das Stipendium deckt
Reisekosten und Unterkunft. Ein zusaetzliches Honorar gibt es jedoch nicht. Die
naechste deutschsprachige Autorin ist Christine Huber aus Oesterreich. Hoppla,
die kenne ich doch. Christine ist eng mit Fritz und Ilse vom Verlag Das
Froehliche Wohnzimmer aus Wien
befreundet, der mein erstes Buch veroeffentlicht hat. Sie war bei einigen
meiner Lesungen in Wien, hat bei der Wiener Schule fuer Dichtung gearbeitet und
(ich glaube) zeitweise auch einen eigenen Kleinverlag besessen. Sehr
interessante experimentelle Autorin.
Christopher ist selbst Dichter, aber eher von
der alten akademischen Schule. Formvollendetes Metrum, tiefsinnige poetische
Metaphern, elegische Naturlyrik. Er ueberreicht mir ein Lyrikbaendchen von
sich, Brilliant Water. Mit
Poetry Slam und Performance Poetry hat er nicht viel zu tun. Den
Performance-Aspekt von Poesie haelt er fuer zweitrangig. Aehnlich wie in
Deutschland gibt es auch hier einen ziemlichen Graben zwischen der akademischen
Szene und Poetry Slam, die, sich misstrauisch beaugend, meist auf Abstand
bleiben. Allerdings ist es hier fuer junge Dichter normal, ein
selbstgefertigtes Chapbook
zu haben und auf Open Mike Veranstaltungen zu lesen. Buecher selbst zu
publizieren, gilt nicht als Makel. Viele Buchhandlungen haben eine
Extra-Abteilung fuer Chapbooks und es gibt regelmaessige Chapbookwettbewerbe.

Jim Coppoc
Am Sonntag abend Show in dem
Musikclub Gabes, Gravitationszentrum
der Iowa City Punk und Hardcore Bewegung. Nach einigen Local Poets das Triple
Feature bestehend aus mir, Jim Coppoc, dem Slammaster aus Ames, Iowa und Buddy
Wakefield.
Mein Auftritt laeuft extrem gut, dass Publikum
johlt und pfeift. Anschliessend Jim Coppoc, ein Barbesitzer, Truckdriver und
Literaturdozent an der Universitaet in Ames, Iowa. Lustige Geschichten, gut
performt. (www.jimcoppoc.com)

Buddy Wakefield explodiert fast auf
der Buehne, soviel Energie hat er in den zwei Tagen seiner Strafe angesammelt.
Er ist ein exzellenter Performer und Entertainer mit komplexen langen
Gedichten, fast Geschichten und bekennender Schwuler.
Nach der Show, die uebliche Party,
diesmal bei Jil, einer Business-Lehrerin, die es geschafft hat, sich waehrend
der Show so zuzusaufen, dass sie kaum gehen und sprechen kann und nur von Buddy
und Joe gestuezt den Weg nach Hause findet. Joe, ebenfalls ziemlich
angetrunken, beginnt grosse Lobreden auf die Poesie im Allgemeinen und auf mich
im Besonderen zu halten und bricht schliesslich vor lauter Ruehrung
tatsaechlich in Traenen aus. Es wird eine ruehrselige, feuchte Abschiedsparty
fuer mich. Verlasse die Party mit Jim Coppoc um 3 Uhr, um ein paar Stunden
Schlaf zu bekommen. Jim will mich morgen frueh um 8 Uhr mit nach Ames nehmen,
das auf dem Weg zu meinem naechsten Ziel Minneapolis liegt.