Party Town Iowa City, 2.6. - 6.6.

 

Iowa? Was wollen Sie denn in Iowa? hatte mich die Reiseagentin in Frankfurt verstaendnislos gefragt. Iowa gilt selbst den Amerikanern als einer der langweiligsten und hinterwaeldlerischsten Bundesstaaten. Iowa ist das klassische Farmerland. Mais, Sojabohnen und Schweinezucht. Vier Stunden faehrt der Greyhoundbus von Chicago nach Iowa City, immer Richtung Westen.

Jason und Garth hatten mir eingeschaerft, in Iowa unbedingt nach cow tipping zu fragen. Das sei die typische Beschaeftigung gelangweilter Jugendlicher auf dem Lande, die darin bestehe, ebenso gelangweilte Kuehe umzuwerfen. Wer die meisten Kuehe umgeworfen hat, hat gewonnen. Hahaha. Natuerlich alles nur eine kleiner gemeiner Scherz der Grossstaedter gegenueber ihren provinziellen Nachbarn.

 

Jetzt stehe ich mit Joe Mirabella, dem lokalen Slammaster, in der Ped Mall (Fussgaengerzone) von Iowa City. Gruppen von langhaarigen Jugendlichen in Schlabberklamotten, dazwischen Rastas und Punks lungern kiffend und rauchend auf den Sitzbaenken oder auf dem Pflaster. Wir holen uns im Cafe und Smokeshop einen Coffee-to-go und beginnen den Rundgang. Headshops, Buchlaeden, Plattenlaeden fuer etwa 30 000 Studenten der University of Iowa, die mindestens die Haelfte der Gesamtbevoelkerung ausmachen. Ein liberaler, ja linker Fleck in einer erzkonservativen Umgebung. Natuerlich hat es auch gegen den Irakkrieg viele Demonstrationen und ein wochenlanges Peace-Camp gegeben.

 

Joe Mirabella, Jil und Joes Freund Joe

 

 

Abends Slam im Green Room. Geraeumiger Irish Pub mit einer grossen Buehne und zwei richtig guten Djs. Die Gemeinde ist klein, ca. 30 Leute (Summertime u. Semesterferien) aber enthusiastisch. Die Regeln, NPS (National Poetry Slam) Standard: 3min. Zeitlimit, 5 Juroren aus dem Publikum halten Tafeln mit Noten 1-10 hoch. Die Poeten lesen meist aus kleinen Notizbuechlein, Texte, die sie z.T. wenige Minuten vorher an der Theke gekritzelt haben. Drei Frauen, drei Maenner. Die einzige freie Performerin des Abends ist ein schwarzes Maedel (sonst fast nur weisse Collegepeople hier), die den Slam auch gewinnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Feature ist strategisch guenstig zwischen zwei Runden gelegt. Das Publikum reagiert enthusiastisch mit Kreischen, Johlen, Klatschen, vor allem natuerlich auf mein Poem against war (this is a good poem because war is bad) Urspruenglich ein Verlegenheitsgedicht aus einer Anfrage, mich an einer Antikriegsanthologie zu beteilige. Verkaufe anschliessend alle meine Sitzen Gehen Stehen Buecher, die eigentlich nur als Anschauungsmaterial gedacht waren und einige CDs.

 

Aftershow Party bei Torun, der perfekt Deutsch spricht. Seine Famillie stammt aus Bangladesh, aber er ist in Muenchen geboren und aufgewachsen. Erst als Jugendlicher ist er mit der Familie in die USA emigriert.

Hollie die blondgelockte Hippiepoetin im Indienfransenfummel und ihr Freund Dave, ein etwas aelterer Rasta mit Vollbart und grosser quadratischer Brille sind dabei. Stoned und besoffen versuche ich meine poetischen Ideen zu erlaeutern. Wow, stoehnt Dave, der auch schon ziemlich dicht wirkt.  Awesome, seufzt Holly. Eine schwarze Schoenheit zeigt jedem ihre wunderbaren Boobs (Brueste) - aber bitte nicht anfassen! Zeph ist da, ein kraeftiger, aber gemuetlicher Punk, den Joe als seinen Leibwaechter bezeichnet, vermutlich weil er meist nuechterner als der Rest der Crowd ist. Joe ist ziemlich besoffen und versucht rudimentaeres Deutsch mit mir zu reden (er ist in Heidelberg geboren, als Sohn eines italienischen Geschaeftsmannes). Er laedt mich ein, ein paar Tage in Iowa City zu bleiben, ich koenne am Sonntag noch eine Show, zusammen mit Buddy Wakefield (www.buddywakefield.com) machen, dem International Poetry Slam Champion. Buddy ist nach Iowa zurueckgekommen, weil er betrunken am Steuer erwischt wurde und jetzt eine 48stuendige Gefaengnisstrafe in Iowa antreten muss. Die Stadt mag liberal sein, doch die Cops sind hart.

Torun verteilt Vodka Cherry Cocktails um jedem von uns den Rest zu geben. Iowa City ist eine Partytown - for shure, aber good folks.

 

Joe Mirabella und Buddy Wakefield kurz vor Antritt seiner Strafe

 

Die naechsten Tage wunderbares Wetter, noch mehr Parties, Barbeques (Joes Partner Joe braet das beste und dickste Porc Chop meines Lebens) und Dinnereinladungen, u.a. bei einem lesbischen Paerchen (Dinnereinladungen bedeuten meist Pasta mit Tomatensauce). Wir holen Buddy Wakefield vom Flughafen ab und deponieren ihn in seinem 48 Stunden Retreat, in dem er seinen 30. Geburtstag verbringen wird. Kein echtes Gefaengnis sondern ein Hotel, ausserhalb der Stadt mit spezieller Bewachung, der Auflage, das Hotel nicht zu verlassen, kein Besuch, keine Telefonate, natuerlich kein Alkohol. Ein taegliches 8 Stunden Rehabilitationsprogramm, bei dem u.a. Bilder von schrecklichen Autounfaellen gezeigt werden.

 

Rumhaengen im Fox Head, einer typischen dive bar (Jasons Definition: heruntergekommene Bar mit interessanten Typen), mit muerrischem Wirt, der sich hauptsaechlich mit den Baseballspielen im TV beschaeftigt. Treffen Luke, einen Soldaten, der gerade aus Irak zurueck ist. Ich habe gesehen, wie Kinder Fussball mit menschlichen Schaedeln spielten, murmelt Luke. Mehr will er nicht erzaehlen, er will sich amuesieren...

Bei vielen Studenten in Iowa City geht die Angst um, dass sie in den Irak geschickt werden, erzaehlt Joe. Die Studiengebuehren sind hoch und gerade fuer Studenten aus aermeren Familien ist es oft die einzige Moeglichkeit, sich das Studium durch eine Verpflichtung bei der National Guard zu finanzieren. Diese Verpflichtung bedeutete bislang lediglich ein paar Wochenenden Dienst oder im schlimmsten Falle Einsatz in der Katastrophenhilfe. Doch nun werden auch National Guard Reservisten in den Irak-Krieg geschickt und eine Moeglichkeit der Verweigerung gibt es nicht. Auch Joes Partner steht eine Einberufung ins Haus. Also amuesieren wir uns, solange es geht, meint Joe, waehrend er einen neuen pitcher bestellt, ein ca. 1,5 Liter Plastikkrug gefuellt mit dem duennfluessigen PBR (Pabst Blue Ribbon) Bier.

Angeblich war das Fox Head eine der Lieblingskneipen von Allen Ginsberg und anderen Beatpoeten. Kurt Vonnegut, so die Legende, sei eines Tages rausgeschmissen worden, weil er darauf bestand, seinen Drink mit vor die Tuer zu nehmen. Fast ueberall in den USA ist der Genuss alkoholischer Getraenke auf Strassen und oeffentlichen Plaetzen verboten.

 

Iowa City hat eine bereits eine Menge beruehmter Dichter gesehen, nicht zuletzt wegen seines namhaften International Writers Programm der Universitaet. Creative Writing ist ein kompletter Studiengang und gilt als einer der  Besten in den USA. Ueberdies findet sich an der Uni ein Dada-Research-Center mit dem weltweit groessten Dada-Archiv. Die Mehrzahl aller Publikationen ist mittlerweile online abrufbar (www.lib.uiowa.edu/dada ). 

 

Treffe Christopher Merrill, den Praesidenten des International Writers Programm, der mir das Programm erlautert. Kern ist ein Stipendium, dass Schriftsteller aus aller Welt in Iowa City  zusammenbringt, die hier einige Wochen frei arbeiten und sich austauschen. Das Stipendium deckt Reisekosten und Unterkunft. Ein zusaetzliches Honorar gibt es jedoch nicht. Die naechste deutschsprachige Autorin ist Christine Huber aus Oesterreich. Hoppla, die kenne ich doch. Christine ist eng mit Fritz und Ilse vom Verlag Das Froehliche Wohnzimmer aus Wien befreundet, der mein erstes Buch veroeffentlicht hat. Sie war bei einigen meiner Lesungen in Wien, hat bei der Wiener Schule fuer Dichtung gearbeitet und (ich glaube) zeitweise auch einen eigenen Kleinverlag besessen. Sehr interessante experimentelle Autorin.

Christopher ist selbst Dichter, aber eher von der alten akademischen Schule. Formvollendetes Metrum, tiefsinnige poetische Metaphern, elegische Naturlyrik. Er ueberreicht mir ein Lyrikbaendchen von sich, Brilliant Water. Mit Poetry Slam und Performance Poetry hat er nicht viel zu tun. Den Performance-Aspekt von Poesie haelt er fuer zweitrangig. Aehnlich wie in Deutschland gibt es auch hier einen ziemlichen Graben zwischen der akademischen Szene und Poetry Slam, die, sich misstrauisch beaugend, meist auf Abstand bleiben. Allerdings ist es hier fuer junge Dichter normal, ein selbstgefertigtes Chapbook zu haben und auf Open Mike Veranstaltungen zu lesen. Buecher selbst zu publizieren, gilt nicht als Makel. Viele Buchhandlungen haben eine Extra-Abteilung fuer Chapbooks und es gibt regelmaessige Chapbookwettbewerbe.

 

 

Jim Coppoc

 

 

Am Sonntag abend Show in dem Musikclub Gabes, Gravitationszentrum der Iowa City Punk und Hardcore Bewegung. Nach einigen Local Poets das Triple Feature bestehend aus mir, Jim Coppoc, dem Slammaster aus Ames, Iowa und Buddy Wakefield.

Mein Auftritt laeuft extrem gut, dass Publikum johlt und pfeift. Anschliessend Jim Coppoc, ein Barbesitzer, Truckdriver und Literaturdozent an der Universitaet in Ames, Iowa. Lustige Geschichten, gut performt. (www.jimcoppoc.com)

 

 

 

 

 

 

 

Buddy Wakefield explodiert fast auf der Buehne, soviel Energie hat er in den zwei Tagen seiner Strafe angesammelt. Er ist ein exzellenter Performer und Entertainer mit komplexen langen Gedichten, fast Geschichten und bekennender Schwuler.

Nach der Show, die uebliche Party, diesmal bei Jil, einer Business-Lehrerin, die es geschafft hat, sich waehrend der Show so zuzusaufen, dass sie kaum gehen und sprechen kann und nur von Buddy und Joe gestuezt den Weg nach Hause findet. Joe, ebenfalls ziemlich angetrunken, beginnt grosse Lobreden auf die Poesie im Allgemeinen und auf mich im Besonderen zu halten und bricht schliesslich vor lauter Ruehrung tatsaechlich in Traenen aus. Es wird eine ruehrselige, feuchte Abschiedsparty fuer mich. Verlasse die Party mit Jim Coppoc um 3 Uhr, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Jim will mich morgen frueh um 8 Uhr mit nach Ames nehmen, das auf dem Weg zu meinem naechsten Ziel Minneapolis liegt.

 

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