Midwest Slam League Finals, Chicago - Kalamazoo, 10. - 12.6.

 

Eine neblige, maerchenhaft anmutendende Landschaft zieht vor den schlierigen Fenstern des Busses vorbei. Dunkle Tannen, moosige Huegel, kuehle Seen. Dazwischen gesprenkelt rote Holzhuetten mit weissen Pfosten und Fensterrahmen. Der noerdliche Teil Wisconsins, unweit von Kanada, erinnert stark an Skandinavien. Tatsaechlich leben hier auch viele skandinavische Einwanderer. 10 Stunden dauert die Fahrt von Minneapolis zurueck nach Chicago.

 

Einen seltsam unwirklichen Anblick bietet auch die Familie, die den Bus in irgendeiner Kleinstadt auf halbem Wege besteigt. Vorneweg der Vater. Ein grosser staemmiger Patriarch mit grauem Backen- und Kinnbart, einen grossen kreisrunden Strohhut auf dem Kopf, dunkle Hosen, weisses Hemd mit Weste und Uhrkette. Dahinter ein kleines verhutzeltes Muetterchen im groben und dunklen bodenlangen Wollgewand mit einem weissen Spitzenhaeubchen auf dem Kopf. Dahinter zwei bleiche schmalgesichtige Maedchen in den gleichen dunklen Wollgewaendern und mit Spitzenhaeubchen. Haben die sich im Jahrhundert geirrt? Nein, es sind Amish. Angeblich eine deutschstaemmige Mennonitensekte, die sich weitgehend den Errungenschaften der Moderne verweigert. Sie leben fast voellig autark als Farmer und Handwerker in eigenen Gemeinden weitab der grossen Staedte. Ihre organic food Produkte sind auf den Farmer Markets der Kleinstaedte des Mittelwestens beliebt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ueberhaupt Busse besteigen.

 

 

Zwischenstop in Chicago. Auch hier sind die Hochhaeuser vom Nebel eingehuellt und Jason ist so pleite, das er Zigarettenstummel raucht. Nutze einen freien Tag fuer das Chicago Art Museum und seine gigantische Sammlung von praehistorisch asiatisch ueber Mittelalter, die Avantgarde, die Surrealisten bis hin zu neuester Digitalkunst.

Nebenan im Grant Park an der Waterfront tobt das Chicago Blues Festival, umsonst und Draussen. Mehrere Strassen gesperrt und nun voller Fressstaende und Bluesdevotionalien, Platten- und CD-Staenden. Drei Buehnen bieten alles von Folkblues bis Rock und Funk. Die Musik groesstenteils uninspirierter Standard.

Spaeter im Lakeview Viertel, Belmont/Clark Street. Hier, so Jason, hat die Punkbewegung in Chicago ihren Ausgang genommen. Zahlreiche skurrile Klamottenlaeden, Fetischlaeden, Headshops, Plattenlaeden, Comiclaeden zeugen von der Geschichte. Beruehmt beruechtigt sind die Alley Shops, eine ganze Kette von Punklaeden in einer Alley zwischen Clark und Belmont St., fast eine Punk-Shopping Mall.

 

 

Am Samstag, 12.6., meinem Geburtstag, steige ich zur Abwechslung mal in einen Zug der Amtrak, um nach Kalamazoo zu gelangen, einer Kleinstadt auf der anderen Seite des Lake Michigan, auf halbem Wege nach Detroit.

Die Amtrak Station ist ein eindrucksvolles Art Deco Gebaeude mit riesiger Wartehalle. Eine US-Flagge nimmt fast die ganze Hoehe des Gebaeudes ein. Chicago war mal einer der Knotenpunkte der US-Eisenbahnen. Heute wird Amtrak nur noch durch riesige Staatssubventionen am Leben gehalten. Abfertigung wie am Flughafen. Einchecken, Sicherheitskontrolle. Es ist brechend voll. Lange Schlange, Senior Citizens, Muetter mit Kindern und Behinderte werden zuerst durchgelotst. Grosse fette Dieselloks, silbrige Wagen mit kleinen schmalen Fenstern und eisiger Klimaanlage.

 

In Kalamazoo, der Stadt, an der mir vor allem der Name gefaellt,  holen mich Slammaster Tracey Smith und sein Freund Andrew ab. Als wir ueber Email kommunizierten, ging ich davon aus, dass Tracey eine Frau sei. Tatsaechlich ist Tracey ein stattlicher Mann mittleren Alters mit Vollbart und zu einem kleinen Zopf geflochtenen blonden Haaren. Im Poetry Slam eigenen Kleinbus fahren wir zum Veranstaltungsort, der Kraftrau Brewery, rustikale Kneipe mit Elchkopf an der Wand. Die eigene Brauerei produziert angeblich die besten Biere im Mittleren Westen. Das Kalamazoo Slam Team hat eine eigene Biermarke, von der sie groessere Menge mit auf Touren nehmen. Beruehmt und beliebt bei den Slamkollegen sind auch die Aftershow Parties im Hotelzimmer des Kalamazoo Teams auf dem National Slam. Ganz gegen meine Gewohnheit, vor Auftritten keinen Alkohol zu trinken, schlage ich hier die Einladung zu einem kraeftig wuerzigen Altbier nicht aus.

 

 

Andrew hat sich hingegen ein Rootbeer im eisgekuehlten Glas bestellt, diese eigenartige zuckersuesse Limonade. Er ist Indianer Halbblut und Vietnam-Veteran. Ich habe mich freiwillig gemeldet, erzaehlt er. Ich fand es einfach nicht gut, wie respektlos unsere Jungs in Vietnam in der Heimat behandelt wurden. Ich hatte Waffenschmied gelernt und mein Lebensziel war es, eine Waffenfabrik aufzubauen. Kannst du dir das vorstellen?

Doch irgendwie war der Krieg dann doch nicht ganz das, was er sich vorgestellt hatte. Nach seiner Entlassung Kehrtwende. Er wird ueberzeugter Pazifist, Hippie, lebt auf der Strasse.  Bush ist ein Weichling. Er hat nie wirklich gedient. Sein beruehmter Papi hat ihn von der Armee freigekauft, ist Andrew ueberzeugt.

Seltsame Mischung bei Andrew. Einerseits Pazifist andererseits stolz Vietnam-Veteran zu sein. Auf Antibush Demonstrationen traegt er die Abzeichen seiner Einheit und Plakate mit der Aufschrift Bush - you are a whimp (Feigling).

 

Heute Abend steht kein regulaerer Poetry Slam auf dem Programm sondern das Midwest Slam League Finale, die Endausscheidung verschiedener Teamwettbewerbe der Poetry Slams im Mittelwesten. Mit diesen regionalen Staedtewettkaempfen proben die Slams fuer den National Poetry Slam. Von urspruenglich acht Staedteteams sind nun noch drei Teams uebrig, die heute Abend antreten. Milwaukee, Grand Rapids und Cleveland haben jeweils ein Team von drei Personen geschickt, die nun in drei Runden gegeneinander antreten. In jeder Runde verkuerzt sich das Zeitlimit von zunaechst 5 auf zuletzt 2 Minuten. 

 

Die Slammaster der konkurrierenden Staedte schicken zunaechst einzelne Teilnehmer auf die Buehne und koennen diese spontan und strategisch einsetzen. Bringt der Dichter des einen Teams zum Beispiel ein erfolgreiches Race Identity Poem, dann ueberlegt sich der Slammaster des nachfolgenden Teams, ob er einen Dichter mit einem aehnlichen Thema und Stil ins Rennen schickt, oder lieber jemand, der etwas voellig anderes macht. Die Teams sind im uebrigen verpflichtet im Laufe des Wettbewerbs mindestens ein Gruppenstueck zu machen. Neben dem schrumpfenden Zeitlimit ist auch das Abstimmungssystem etwas anders als der US Standard. Hier halten statt den ueblichen fuenf nur drei Juroren aus dem Publikum Tafeln von 1 bis 3 hoch, die den 1, 2, 3 Platz jeder Runde festlegen.

Angesichts der Midwest Slam League Finals und des ansprechenden Ortes hatte ich mir eine grosse & wilde Veranstaltung vorgestellt. Tatsaechlich ist nur wenig Publikum gekommen. Das Gros der Tische im Raum besetzen die Teilnehmer des Wettbewerbes und ihr Anhang. Es werden insgesamt kaum mehr als 20 Personen sein, davon die Haelfte Dichter.

 

Link und Tracey

 

Moderiert wird der Abend nicht von Tracey sondern von Link, dem Slammaster aus Dayton. Link hat eine brutal laute Lufthupe mitgebracht, die er bei Zeitueberschreitungen zum Einsatz bringt.  Wer das noch nicht kapiert, bekommt die Kugeln eines Softball-Gewehres in die Seiten geschossen.

Ich eroeffne den Abend mit meinem Feature. Meine Soundpoeme erzeugen keine spuerbare Begeisterung. Hoeflichkeitsapplaus, aber nicht mehr. Es ist allerdings auch schwer, gleich zu Beginn die wenigen Zuschauer anzuheizen, die alle eine Tendenz haben, sich in den Biergarten abzusetzen,  und sei es nur, um eine Zigarette zu rauchen. Habe auch einige der textintensiveren Stuecke vergessen und fast ein reines Soundset gebracht.

 

Nach der Show kommt Dasha Kelley, die Slammasterin aus Milwaukee auf mich zu. Bei ihr werde ich am 20. Juni auftreten. Sie druckst ein wenig herum. Ich glaube nicht, dass du diese Sachen in Milwaukee bringen kannst, rueckt sie schliesslich heraus. Wir haben hier ein fast rein schwarzes Publikum, und die haben nun mal eine klare Erwartungshaltung. Die wollen eine klar verstaendliche Botschaft hoeren, verpackt in Reime und witzige oder ueberraschende Wortspiele. Versteh mich nicht falsch, ich moechte nur, dass du dich nicht unwohl fuehlst. Ich weiss nicht, ob mein Publikum viel Verstaendnis fuer deine Soundpoetry haben wird.

Dasha drueckt mir 50 Dollar in die Hand. Was soll ich davon halten? Moechte sie, dass ich meinen Auftritt in Milwaukee absage? Verspreche ihr, in Milwaukee mehr wortorientierte Texte zu machen. Gerade die Tatsache, dass es schwierig werden koennte, reizt mich. Ich kann nicht wirklich glauben, dass ein schwarzes Publikum meine Sachen grundsaetzlich nicht mag. Allerdings hat mir auch schon Jason erzaehlt, dass er von einem schwarzen Publikum von der Buehne gebuht wurde.

 

Team Milwaukee mit Dasha Kelley (rechts)

 

Von Tracey kommt kein Kommentar zu meiner Show und ich habe den Verdacht, dass es auch ihm nicht gefallen hat. Begeistert zeigen sich allerdings eine Lehrerin der oertlichen High School, sowie der Slammaster von Grand Rapids. Insgesamt verkaufe ich drei CDs. Vielleicht habe ich wirklich zu viel Soundpoetry gemacht. In der Slamszene der USA, die so stark an der Textaussage orientiert ist, aber auch am Stakkato Rap-Stil mit moeglichst vielen Worten pro Minute wirkt meine minimalistische Soundpoetry vielleicht noch ungewoehnlicher als in Deutschland.

 

Ich muss gestehen, dass ich die meisten Performances heute Abend ebenfalls eher schwach finde. Die meisten Dichter lesen vom Blatt ab, auch die Group-Pieces, die offensichtlich sehr schnell zusammengezimmert wurden. Die Stimmung ist ohnehin mau, schon wegen der wenigen Zuschauer. Der Moderator Link schafft es nicht wirklich die Stimmung anzuheizen. Nach drei Runden steht fest: das Team aus Milwaukee hat das Rennen gemacht.

 

Aftershowparty mit Tracey, Link, Andrew, einem dicken Teenager Maedel und Traceys Freundin Kate in Kates Haus. Tracey bestellt eine Pizza und Kate versorgt uns mit winzigen aber exzellenten Oeko-Muffins vom Farmers Market. Kate ist selbst Farmerin. Sie hat zwar in der Stadt studiert, aber nach dem Tod ihres Vaters dessen Farm uebernommen und auf oekologischen Anbau umgestellt.

Link erzaelt von seinem Job als Radiomoderator in Dayton. Er findet es klasse, dass man in Dayton nahezu alles mit Kreditkarte bezahlen kann (ausser den Waschsalons). Kate ist von der schoenen bargeldlosen Welt weniger ueberzeugt.

Hast du dir mal ueberlegt, was die Regierung mit Hilfe dieser Karte alles fuer Informationen ueber dich sammelt? Bewegungsprofile, Persoenlicheitsprofile, Vorlieben, Hobbies...

Link: Ist mir egal.

 

Tracey, Kate & Andrew bei der Aftershowparty

 

Gespraech ueber das absurde Begraebnis von Ronald Reagan. Reagan ist Anfang Juni gestorben. Habe die Nachricht bereits in Iowa City gesehen. Doch die Bushregierung hat daraus nicht nur ein Staatsbegraebnis erster Klasse gemacht sondern eine pompoese Inszenierung, bei der der Sarg des Expraesidenten quer durch die USA geschleppt wird. Stundenlange Berichterstattungen beschaeftigen sich mit keiner anderen Frage, als der, wo sich der Sarg gerade aufhaelt, wo er gerade herkommt, wo er demnaechst hingebracht wird, welche Strassen dabei ueberquert wurden und welcher drittklassige Provinzpolitiker in den letzten Minuten sein Beileid ausgedrueckt hat. Der Aufwand erinnert an koenigliche Inszenierungen, nur dass hier alles noch groesser ist und laenger dauert. Fast alle Kommentatoren halten Reagan fuer den groessten US Praesidenten aller Zeiten. Er habe den Kommunismus in die Knie gezwungen und dank harter Hand den kalten Krieg beendet. Er habe die Wirtschaft wieder in Gang gesetzt, vor allem durch ein radikales Programm der Reduzierung von Staatsaufgaben und Steuersenkungen. Er sei  ein Visionaer gewesen, aber auch ein Mann aus dem Volk, ein unkomplizierter Kumpeltyp, einer von uns, humorvoll und prinzipientreu. Unter der ganzen Berichterstattung kaum der Hauch eines kritischen Kommentares.

Reine Wahlkampfshow fuer Bush, mutmasst Kate.

Bush versaeumt es nie, sich als den politischen Enkel von Reagan zu praesentieren. Die letzten zehn Jahre hat sich kein Mensch mehr fuer den Alzheimer erkrankten und voellig isolierten Ex-Praesidenten interessiert, der nicht einmal mehr seine Frau erkannte. Jetzt, anlaesslich seines Todes kurz vor den Praesidentenwahlen wird er nun wieder ausgegraben und zu einem Heiligen aufgebaut.

Das ist alles so absurd. Warum koennen sie ihn verdammt noch mal nicht einfach unter die Erde bringen, zischt Link genervt.

Andrew ist mittlerweile im Sessel versunken und schnarcht.

 

zurueck/back