Die Bratwurst-Connection, Madison, Wisconsin, 15.-19.6.

 

Mann, da hat Dirk aber einen Treffer gelandet, stoehnt Garth zu Jason, als wir in seinem alten klapprigen Buick vor dem Haus meiner naechsten Gastgeber in Madison zu stehen kommen. Eine luxurioese Nachbarschaft mit huebschen kleinen Holz-Villen direkt am Lake Mendota.

Vielleicht sollten wir Dirk fesseln und knebeln und im Kofferraum verstecken. Ich geb mich dann als Dirk aus und du kannst Jason sein, schlaegt Jason vor. Das Staunen wird noch groesser, als sich die Tuer oeffnet und eine jugendlich aussehende Frau, mit Traegerhemdchen und fast hueftlangem, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar begruesst. Hi, ich bin Nancy, kommt herein. Ich hatte eine aeltere gediegene Dame erwartet, vermutlich in den 60ern. Nancy Vedder-Schultz ist eine fruehere Freundin von Wigand Lange, meinem Kollegen aus dem Schriftstellerverband. Er hatte in den fruehen 70er Jahren in Madison studiert und dabei Nancy kennengelernt, die sofort zugesagt hatte, mich fuer einige Tage in ihrem Haus unterzubringen.

 

Meine Mission in Madison: ich soll im Auftrag des Hessischen Schriftstellerverbandes den lange projektierten literarischen Austausch zwischen den Partnerstaaten Hessen und Wisconsin in Gang bringen. Wigand hatte schon einige Vorarbeit geleistet und will spaeter ebenfalls nach Wisconsin fahren. Hessen und Wisconsin sind bereits seit 1976 Schwesterstaaten. Grund dafuer duerfte eine mehrheitlich deutschstaemmige Bevoelkerung in Wisconsin sein, die deutsches Brauchtum (vor allem Braukunst, Bratwurst und Oktoberfest) liebevoll pflegt. Viele sind nach der gescheiterten Revolution von 1848 eingewandert. In der Bibliothekt der University of Wisconsin in Madison gibt es ein grosses Archiv deutscher revolutionaerer Schriften aus dieser Zeit, hatte mir Wigand erzaehlt. Vielleicht auch das ein Grund, warum bei aller Deutschtuemelei die Leute hier als liberal gelten.

 

Bild: Jason Pettus

 

 

Als Garth und Jason von meinem Plan, nach Madison zu fahren hoeren, schlaegt Garth sofort vor, einen gemeinsamen Ausflug nach Madison, gerademal zwei Autostunden noerdlich von Chicago, zu machen. Schliesslich gilt Madison als eine der schoensten Staedte in den USA, eine Collegetown von etwa 200 000 Einwohnern, davon fast die Haelfte Studenten, auf einer Landbruecke zwischen vier Seen gebaut. Natuerlich halten die Chicagoer ihre Nachbarn aus dem Milch-Staat Wisconsin fuer Hinterwaeldler und fahren hoechstens mal zum Fischen an einen der zahlreichen Seen. Auf der Fahrt erscheint Wisconsin, das ebenso wie Chicago im Osten an den Lake Michigan grenzt, im Norden jedoch an Kanada, flach wie ein Blatt Papier. Die Strasse ist zollpflichtig, alle paar Meilen Zollhaeuschen, die mal 50 Cent, mal einen Dollar kassieren. An den Ausfahrten immer wieder Hinweise auf Theme-Parcs, Freizeitparks zu Cowboys, Indien, Safari, Mittelalter usw.

 

Haus & Boot von Nancy und Marc

 

 

Jetzt sitzen wir auf der Terrasse mit Blick auf den Lake Mendota und das hauseigene Segelboot. Nancy outet sich als Feministin, hat in den 70er Jahren in Berlin und Hamburg gelebt und in Women Studies gearbeitet. Ihr besonderer Schwerpunkt: Women Spirituality. Darueber hinaus ist sie eine Wiccen, eine Art heidnischer Frauen-Erd-Kult. Sie hat eine klassische Gesangsausbildung, gibt Konzerte mit esoterischen Frauenchoeren und schreibt an einem Science Fiction Roman.

Marc, der wenig spaeter auftaucht, ist ein hochgewachsener, sportlicher Typ mit vollem grauem Haar, Jeans und T-Shirt. Er war Bio-Techniker und hatte eine eigene Firma fuer Medizintechnik in San Diego, ist nun im Ruhestand. Er hat einen patentierten Glukosesensor entwickelt. Das Ziel: eine implantierbare Insulinpumpe herzustellen, die Diabetes Mellitus Patienten als kuenstliche Bauchspeicheldruese dienen koennte.

 

 

Rundgang mit Jason und Garth durch das Zentrum. Fussgaenger, Fahrradfahrer, Indienfummellaeden, Buchlaeden, Postershops, Plattenlaeden, Cafes, kleine mobile Fressbuden mit Ethnofood von Jamaican bis Sushi und natuerlich Andenkenlaeden, in denen die beruehmten Kaesehuete von Wisconsin auf den Regalen stehen (vor allem fuer Politiker im Wahlkampf ist es patriotische Pflicht, einen Kaesehut aufzusetzen). Aus dem abfaelligen “cheeseheads³ mit dem vor allem Chicagoer ihre Nachbarn aus Wisconsin bezeichnet haben ist eine clevere Geschaeftsidee geworden.

 

Leider ist die Innenstadt von zahlreichen Baustellen aufgerissen. Garth will uns die Monoma Terasse zeigen, ein Projekt, an dem der beruehmte Architekt Frank Loyd Wright, der aus der Gegend stammt, angeblich fast 30 Jahre gearbeitet haette. Ich finde den Platz etwas oede, obwohl er immerhin einen guten Blick auf das Capitol und zur anderen auf den Lake Monoma bietet. Vermutlich eine gute Location fuer Demonstrationen und Kundgebungen oder auch mal ein Open Air Festival.

 

 

Monoma Terrace & Capitol, Bild: Jason Pettus

 

 

Nach einem exzellenten Bier in der Angelic Brauerei verabschieden sich Garth und Jason.

Marc und Nancy quartieren mich im Basement ein, im Zimmer ihrer 20jaehrigen Tocher, die gerade Kunst in New York studiert. Grosses Bett, eigenes Bad...welch Luxus. Zum Abendessen gibts Brats (echte deutsche Bratwuerste) und einen erstklassigen Sonnenuntergang ueber dem Lake Mendota.

 

16.6.

Joan Fischer, die Programmdirektorin der Wisconsin Academy of Arts and Letters (eine altehrwuerdige private Organisation zur Foerderung von Literatur, Kunst  und Wissenschaft) hat eine Konferenz in den Raeumlichkeiten der Academy (www.wisconsinacademy.org) organisiert. Ihr Mann,  Dr. Gerhard Fischer, im Department of Public Instruction zustaendig fuer die Kontakte zum Partnerstaat Hessen und unser eigentlicher Ansprechpartner konnte nicht kommen. Wigand und ich hatten Uebersetzungsworkshops, Autorenpatenschaften, Austausch von Delegationen, Anthologien, Aufenthaltsstipendien und sogar eine transatlantische Kreuzfahrt zusammengesponnen. Ueber die Finanzierung hatten wir uns erst mal keine Gedanken gemacht. Ich bin ein bisschen nervoes, als ich vor der Tafel mit den vielen Namensschildchen stehe. Es ist alles noch sehr schwammig. Ich weiss, dass ich kein grosser Redner bin.

 

Der Rathskeller im Students Union Gebaeude wird als Mensa genutzt

 

Die Runde ist sehr viel groesser geworden, als gedacht. Insgesamt 22 Autoren, Vertreter von literarischen Institutionen, Literaturwissenschaftler und Vertreter der Regierung von Wisconsin troepfeln nach und nach ein. Wir brauchen mehr als eine halbe Stunde, um uns vorzustellen. Mir schwirrt der Kopf vor lauter Namen und Funktionen. Wisconsin Academy, Wisconsin Fellowship of Poets, Praesident, Vizepraesident, Madpoetry, Max Kade Institut, Humanities Council, Department of Public Instruction, das English Department, das German Department und sogar das African Department der University of Wisconsin sind vertreten.  Daneben Abgeordnete der Regierung, Buchhaendler, Kuenstler, Schriftsteller (zumeist Lyriker) und Andrea Musher als Poet Laureate (so was wie der offizielle Stadtdichter) von Madison.

 

Nach der Vorstellung, steigen alle ins Brainstorming ein. Die Begeisterung ist gross, aber es wird bald sehr chaotisch. Da werden Videokonferenzen vorgeschlagen,  Austausch radiophonen Materials, das Wisconsin Book Festival im Oktober wird erwaehnt. Sollten wir den Austausch nicht auf Lyriker beschraenken? erschreckt mich eine Frage. Auf keinen Fall, halte ich dagegen. Es ist wichtig, dass wir ein moeglichst breites Spektrum haben. Der Hessische Schriftstellerverband ist schliesslich auch kein Lyrikerverein. Manche haben Angst vor den finanziellen Belastungen, die ein Austausch von Autoren mit sich bringen koennte. Schliesslich gibt es hier kaum staatliches Geld fuer Kunst. Fast alles Geld muss privat aufgetrieben werden. Ein anderes Problem: Es gibt nicht eine zentrale Organisation, mit der wir hier verhandeln, sondern eine Vielzahl von Gruppierungen und Einzelpersonen.

 

Neben mir sitzt Jeannie Bergmann, Autorin, Kuenstlerin, Buchhaendlerin und Webmasterin der ausgezeichneten Internetplattform www.madpoetry.org  (hatte ich mir schon von Deutschland aus angesehen). Sie macht den einzigen handfesten Vorschlag: Eine gemeinsame Internetplattform fuer unser Projekt zu gestalten. Nach weiterer Diskussion, Einigung auf den Namen: www.hesswiscwriter.org . (Ein Bericht ueber das Treffen aus US-Sicht findet sich auf: http://www.portalwisconsin.org/WI_Hessen_feature.cfm .

 

Fred und Jeanny Bergman

 

17.6.

Abends mit Jeannie und Fred beim Open Mike. Host ist der junge indischstaemmige Autor Yogesh Chawla in T-Shirt, kurzen Hosen und Sandalen (ich sollte mal eine Kurze-Hosen-Fotoserie zu machen. Ist im mittleren Westen scheinbar Standardoutfit, unabhaengig vom Alter oder der Schoenheit der Beine). Von den anwesenden ca. 25 Personen ist die ueberwiegende Mehrzahl Teilnehmer des Open Mike, das von der Organisation PGI (Premiere Generation Ink) veranstaltet wird. Die Organisation (www.pgink.com ) veranstaltet neben Open Mikes auch Lesungen, gibt eine Zeitschrift heraus und hat ein eigenes T-Shirt. Yogesh ist wohl der Motor, Jeannie und Fred sind Mitglied und damit Bindeglieder zwischen der eher akademischen Szene um die Wisconsin Fellowship of Poets und den juengeren Dichtern der Open Mike und Spoken Word Szene.

 

Es wird zumeist traditionell aus dem Notizbuch gelesen, aber die Texte sind teilweise recht professionell, und es gibt eine gute Mischung verschiedener Altersklassen. Im Mittelteil Musik, diverse Gitarristen. Yogesh findet, dass die staendige Abwechslung von Text und Musik die Konzentration beeintraechtige. Daher hat er die Musik zu einem eigenen Teil zusammengefasst. Unter den Gitarristen auch Kevin Barret, der Professor fuer Afrikanische Sprachen an der Uni ist und gestern auch beim Meeting in der Wisconsin Academy dabei war. Er bringt einen folkig-punkig dilettantisch satirischen Song auf die Bush-Regierung, 9/11 und Bin Laden, ein bisschen wie die Fugs in den 60er Jahren. Natuerlich ist er ein Alt-68er. Er erzaehlt mir, dass er zum Islam uebergetreten sei und beschwert sich, dass es kaum noch linke engagierte Juden in der politischen Szene gaebe. Fred Bergmann gibt einen kurzen kriegskritischen Text von sich,

Jeannie macht ein recht surreales Gedicht, das ich allerdings in der Kuerze nicht ganz verstehe. Mein Set kommt ziemlich gut. Jeannie macht live eine Nonsense-Uebersetzung von einem meiner Texte - grandios. Wir begeistern uns beide an der Idee, auch bei dem Hessen-Wisconsin Project Nonsense-Uebersetzungen einzubeziehen.

 

Jeannie ist die bislang interessanteste und experimentellste Autorin die ich in den USA getroffen habe. Sie hat eine Neigung zu surrealen und phantastischen Texte sowie zu Cut-up Experimenten. Bisher hat sie verschiedene selbstgefertigte Buechlein (Chapbooks) veroeffentlicht und sogar einen Chapbookpreis gewonnen. Sie ist nicht nur Autorin und Uebersetzerin sondern auch Webdesignerin (www.fibitz.com) und ueber die Internetplattform www.madpoetry.org, eine der zentralen Figuren der Literaturszene in Madison. Ueberdies ist sie Kuenstlerin, die auch viel mit digitalen Prints arbeitet und hat mit Pferden zu tun. Studiert hat sie, glaube ich Psychologie. Am liebsten hoert sie Heavy Metal.

 

Ihr Mann Fred ist ein kraeftiger, gemuetlicher Kerl mit weissem Bart und einem immer verschmitzten Grinsen. Er hat etwas von einem verwitterten Gartenzwerg. Das Reden ueberlaesst er meistens Jeannie. Beide sind sie sehr engagiert in der Antikriegsbewegung. Wie viele linke und liberale Amerikaner glauben sie an eine Verschwoerung der fundamentalistischen Rechten, Amerika zu zerstoeren und Armageddon (den Tag des Juengsten Gerichts) heraufzubeschwoeren. Seit Reagans Zeiten seien viele fanatische Fundamentalisten in hohe Verwaltungs-, Gerichts- und Regierungsaemtern gekommen. Deshalb, ist Jeanny ueberzeugt, war diese Regierung gar nicht daran interessiert, den 11. September zu verhindern, obwohl sie genaue Kenntnis der Attentatsplaene hatten.

 

Meine Gastgeber Marc & Nancy

 

18.6.

Marc und Nancy begleiten mich zum Poetry Slam im Cafe Montmartre. Host David Hart hatte mir kuerzlich noch ein Feature zugesagt. Der Slam ist in einem Nebenraum der eigentlichen Bar, eine typische, etwas schaebige dive bar. Eine Jazzband spielt. Gut, aber extrem laut. Das Publikum ist sehr jung, hip und ueberwiegend schwarz. Habe das Gefuehl, dasss sich Marc und Nancy ein wenig fremd vorkommen. Trotz aller Toleranz scheint es zwischen der weissen liberalen Oberschicht und der Schwarzen Szene nicht so viele Beruehrungspunkte zu geben.  Zum Glueck sind auch Jeannie  und Fred gekommen.

 

Die Veranstaltung faengt mit drei Stunden Verspaetung um 10pm an. Die Akustik ist ziemlich schlecht. Das Mikro eine Katastrophe. Aber die Stimmung ist gut und es ist richtig voll geworden. Es gibt viel Rap-Poetry. Dichter aus Milwaukee dominieren die Veranstaltung. Tiffany, eine dicke schwarze Mama aus Milwaukee gewinnt und der zweite Feature Spot nach mir ist Muhibb, ebenfalls aus Milwaukee, ein eindrucksvoller und professioneller Performer. Er wird Milwaukee beim National Slam vertreten. Jeanny ist sich nicht zu schade, inmitten dieser ganzen Rap-Dichter mit ihren verschachtelten surreal-phantastischen Texten aufzutreten.

Tiffany & Muhibb

 

Mein Set laeuft erstaunlich gut. Das Publikum geht richtig mit. Es ist ein bisschen wie in einer schwarzen Kirchengemeinde, in der die Glaeubigen den Prediger immer wieder bestaetigen und ihren Gefuele lautstark aeussern. David, der MC, ein dicker Schwarzer (auch moderiert in kurzen Hosen und Sandalen) steht hinter mir und murmelt immer wieder etwas wie genau, yeah und das Publikum wiederholt seine Worte. Gerade der Lauttext Nie kommt ziemlich gut. In der Hauptkneipe nebenan beginnt allerdings mitten waehrend meiner Performance eine Band zu spielen. Da die beiden Raeume durch die Theke miteinander verbunden sind, ist sie gut zu hoeren. Ich muss ziemlich bruellen, um mich akustisch durchzusetzen. Dennoch merke ich, es kommt an ­ ganz ohne Fangruppe wie in Chicago. Ein gutes Gefuehl, zumal mich Dasha Kelley aus Milwaukee ja gewarnt hatte, dass meine Lauttexte nicht den Erwartungen eines schwarzen Publikums entspraechen.

 

19.6.

Bin mit Madisons Poet Laureate Andrea Musher in Hawk Cafe am Lisa Link Peace Parc verabredet. Der Begriff Park taeuscht ein wenig. Eine kleine quadratische Einbuchtung an der State Street mit ein paar Sitzbaenken. Normalerweise halten sich hier die Obdachlosen, Saeufer und kiffenden Jugendcliquen auf. Heute findet hier allerdings ein Folk-Festival mit erstaunlich guter Musik statt.

 

Andrea Musher ist eine junggebliebene Rebellin, mit langem lockigen grauem Haar, T-Shirt und Jeansjacke. Madison, so erzaehlt sie, war eines der Zentren der Studentenunruhen in den 60er Jahren. Als ich zu Beginn der 70er Jahre nach Madison zog, gab es immer noch regelmaessige Demonstrationen und Zusammenstoesse mit der Polizei. Einer der Wortfuehrer der Protestler war der Dichter Tuschen. Stell dir vor, sagt Andrea, er ist damals vor die aufmarschierte Nationalgarde getreten und hat ihnen Blumen in die Gewehrlaeufe gesteckt. Schliesslich haben wir es geschafft, einen der unseren zum Buergermeister zu waehlen, einen, der aus der Studentenbewegung kam. Das war damals eine ziemliche Revolution. Wir dachten, wir haben die Stadt uebernommen. Einen der Wortfuehrer der Bewegung zum Poet Laureate zu machen, war wohl eher eine Schnapsidee aus einer Laune heraus.

 

Aber woher kommt diese Idee und was bedeutet es konkret? frage ich.

Urspruenglich war der Poet Laureate im alten England eine Art Hofdichter, der die Koenige zu besingen hatte und dafuer mit Lorbeer bekraenzt wurde. In den USA hat man diese Tradition uebernommen aber profanisiert. Jeder Bundesstaat hat einen Poet Laureate und natuerlich gibt es einen nationalen Poet Laureate. Der beruehmteste National Poet Laureate war Robert Frost. Meistens werden die Kandidaten von einer staatlich bestellten Kommission ermittelt. In Madison war es eher ein satirischer Willkuerakt einen der politisch kritischsten Dichter und Wortfuehrer der Studentenbewegung als Poet Laureate einzusetzen.

 

Aber was macht ein Poet Laureate? Ist das ein wichtiger Geldpreis? hake ich nach. Nein, lacht Andrea. Schoen waers. Aber es ist ein reiner Ehrentitel. Der Poet Laureate bekommt symbolisch den Goldenen Schluessel der Stadt ueberreicht.  Dafuer uebernimmt er die Verpflichtung, die lokale Literaturszene zu pflegen und sich insbesondere um den Nachwuchs zu kuemmern.

Als Tuschen damals ernannt wurde, war es eher ein Spass und man hat nicht wirklich daran gedacht daraus eine richtige Institution zu machen. Es hat auch keine zeitliche Begrenzung der Ernennung gegeben. Er war der Poet Laureate und fertig. So kam es dass Tuschen ueber 20 Jahre Poet Laureate von Madison war. Und er waere es auch heute noch, wenn er nicht selbst das Beduerfnis gehabt haette, das Amt abzugeben.

Und wie wurdest du dann seine Nachfolgerin? will ich wissen. Ganz einfach. Tuschen hat mich dazu ernannt. Natuerlich hat man im Stadtrat diskutiert, ob es gut waere, eine Kommission einzusetzen. Aber letztlich hat man sich entschieden, dass die jeweils amtierenden Poet Laureates ihre Nachfolger bestimmen. Ein wichtiges Kriterium ist das gesellschaftspolitische Engagement. Gerade in Madison waren die Dichter immer an vorderster Front der Buergerrechts- und Friedensbewegung. Andrea holt einen Stapel Lyrikzeitschriften heraus Cup of Poetry, ein simples, schwarz-weiss kopiertes Heft. Stolz zeigt sie mir Ausgabe Nr. 1, eine reine Antikriegsausgabe. Andrea ist uebrigens ein Beispiel fuer die juedische Linke, von der Kevin Barret behauptet hatte, sie existiert nicht mehr.

 

Marcs Blaubeerpancakes

 

Es ist mein letzter Abend in Madison. Ich hatte begonnen, mich heimisch zu fuehlen, nicht zuletzt aufgrund meiner fantastischen Gastgeber Marc und Nancy, die mir eine Rundumversorgung gegeben haben. Eine Woche wohnen, Fruehstueck, Abendessen. Sie haben fast jeden Abend fuer mich gekocht, mich zum Segeln mitgenommen, ich bin mit Marcs Fahrrad durch die Gegend gekurvt. Haeufig gab es interessante Gaeste und eine Menge tiefsinnige Gespraeche. Mit anderen Worten, ich hatte ein ziemliches Luxusleben, das nun zu Ende geht. Ich hoffe, ich bin meinen Gastgebern nicht zur Last gefallen und bin ein bisschen beschaemt am Ende mit leeren Haenden dazustehen.. Eigentlich wollte ich wenigstens eine gute Flasche Wein mitbringen, doch nach dem ausgedehnten Gespraech mit Andrea bin ich gedankenversunken zurueckgeradelt. Lange sitzen wir die Nacht noch im Basement, hoeren meine CD und auch die Musik von Nancy. Marc spielt mir Ani Di Franco vor, die Lieblingsmusik seiner Tochter. Falls ihr dies lesen solltet, auf diesem Wege tausend Dank fuer Alles. 

 

 

 

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