Black Poetry Milwaukee 20.6.

 

Dasha Kelley, hochgewachsene schwarze Dichterin und Organisatorin des Milwaukee Poetry Slam holt mich von der Greyhound Station ab. Sie hat ein Hotel fuer mich gebucht, aber ich kann erst am Nachmittag einchecken. Also fahren wir zunaechst bei ihr vorbei. Auf dem Weg passieren wir das Black Holocaust Museum, dass die Geschichte der Sklaverei und Unterdrueckung der Schwarzen zeigt. Ich denke, die Juden in Europa waeren nicht begeistert davon, den Holocaust Begriff auf die Unterdrueckung der Schwarzen anzuwenden. In Milwaukee prallen ziemlich deutlich klassische Mittelwestenbehaebigkeit, deutsches Brauchtum (zahlreiche Brauereien) und der neben Chicago groesste Anteil an schwarzer Bevoelkerung der Region aufeinander.

 

Dasha lebt jedenfalls nicht im Getto. Ich betrete ein geraeumiges, geschmackvoll & teuer eingerichtetes Haus. Vierjaehrige Tochter haengt sich sofort an mich und zeigt mir ihre Zeichnungen (lauter Striche und Punkte), die aber alle geheime und wichtige Bedeutungen haben, die sie mir vergeblich zu erklaeren versucht. Ein Baby schreit die ganze Zeit, das Handy klingelt ununterbrochen. Der Mann kommt nach Hause und haengt fortan ebenfalls ohne Unterbrechung am Telefon. Dasha ruehrt den Babybrei an, waehrend sie parallel ihre emails checkt. Ob sie mir den Fernseher anmachen soll, damit ich mich nicht langweile, fragt sie.

 

Trotzdem finden wir Zeit fuer ein Interview ueber die schwarze Slamszene in Milwaukee. Der Slam hier, habe ich gehoert, ist beruechtigt dafuer, weisse Dichter von der Buehne zu buhen. Dasha hatte mich ja schon in Kalamazoo vor den Erwartungen ihres Publikums gewarnt, doch mein Auftritt gestern in Madison vor einem ueberwiegend schwarzen Publikum hat mich optimistisch gestimmt. Der Slam in Milwaukee ist erst ein paar Jahre alt, aber hat bereits eine zentrale Stellung im Mittleren Westen und verfuegt als eine der groessten Stadte hier auch ueber reichtlich Talentresourcen.

 

Natuerlich haben schwarze Slams eine eigene Dynamik und Erwartungshaltung, meint Dasha. Die meisten Dichter hier verstehen den Slam als Forum, ihrem Frust ueber Rassismus und Unterdrueckung und schlechte Lebensbedingungen Luft zu verschaffen. Ein weisses Publikum ist nicht immer gewillt, sich das einen ganzen Abend lang anzuhoeren. Daher, so Dasha, brauchen wir unsere eigenen Orte. Es gibt eine lange Tradition des revolutionaeren Gedichtes seit der fruehen Buergerrechtsbewegung, bei der Dichter immer an vorderster Front waren, erklaert Dasha. Bis heute verstehen sich viele schwarze Dichter als gesellschaftspolitische Revolutionaere und Visionaere. Sie haben eine Botschaft. Sie wollen etwas veraendern.

Der muendliche Vortrag von Texten kommt in einer schwarzen Gemeinde besonders gut an. Dasha erinnert an die Tradition der afrikanischen Griots, die Geschichten und Geschichte in Form von Liedern oder muendlichen Erzaehlungen von Generation zu Generation weitergegeben haben.

 

Moderator des Milwaukee Slams

 

Als ich sie frage, was denn ein gutes Performance-Gedicht ausmacht, antwortet sie mir: Complex and dynamic wordplay.In der Tat wird besonders auf Poetry Slams der spielerische Umgang mit dem Wort (wieder)entdeckt.  Das Wortspiel galt ja in der europaeischen und insbesondere in der deutschen Literaturgeschichte Jahrhunderte lang als trivial, da eher der Volkskunst zugehoerig und nicht der Hohen Kunst. Doch wenn es tatsaechlich so etwas wie Slam Poetry geben sollte, eine Poesie, die speziell durch den Slam hervorgerufen wurde oder zumindest popularisiert wurde, so ist es die Wortspielpoesie. Kein Wunder, dass bei deutschen Slampoeten satirische Dichter wie Robert Gernhardt, Wilhelm Busch und Christian Morgenstern hoch im Kurs stehen.

 

In den USA und speziell bei den schwarzen Poetry Slams scheint das Wortspiel nicht so extrem unter Trivialitaetsverdacht zu stehen. Das haengt vielleicht mit der Tradition geistreicher (witty) Wortgefechte in der anglo-amerikanischen Geschichte zusammen (z.B. bei Shakespeare) und evtl. auch mit magischen, schamanistischen afrikanischen Traditionen. Und natuerlich haben Hip Hop und Rap damit zu tun, die die klassischen Reimschemata und Metren der alten Griechen ad acta gelegt haben um in einem spielerischen Kampf der Worte Identitaet und Ueberlegenheit zu behaupten.

 

Schliesslich faehrt mich Dasha zum Hotel. Die einzige Veranstalterin, die mich nicht privat unterbringt. Das Hotel ist komfortabel ausgestattet: Doppelbett, Balkon, Foen, Buegelbrett & Buegeleisen und sogar eine Kaffeemaschine auf dem Zimmer. Leider liegt es an einer Ausfallstrasse weitab vom Zentrum und jeglichem oeffentlichen Nahverkehr. Burger King, McDonalds, Taco Bell, Pizza Hut wechseln sich mit Autoverleihfirmen ab. Alles Drive-Thru und Low Carb. Ueberall US-Flaggen. Will unbedingt zum nahen Ufer des Lake Michigan. Nur an einer Stelle ist der Blick auf ein fernes blaues Dreieck sichtbar. Alles abgesperrt, zugebaut. Privatbesitz.

 

 

Der Slam am Abend ist enttaeuschend. Wenige Gaeste, schlechte Texte. Miserable Akustik. Ein Ventilator brummt so laut, dass ich mein Aufnahmegeraet gar nicht aufbauen brauche. Der Moderator liest staendig eigene Texte. Die Zuhoehrer gelangweilt, kaum Applaus fuer die Slammer. Bin etwas frustriert. Habe wegen dieser Show extra mein Programm geaendert.  Habe aber nicht den Eindruck, dass es jemanden besonders interessiert. Aber es ist auch kein Debakel. Immerhin hoeren die Leute ruhig zu und buhen mich nicht von der Buehne. Fuer mein Poem Against War gibt es sogar etwas mehr als Hoeflichkeitsapplaus. Viele der Dichter tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift educated und lassen auch in den Texten manchmal literarische und gesellschaftliche Bildung aufblitzen. Nicht jeder Schwarze ist dumm, ungebildet und lebt im Getto, so die Message.

 

Das gelangweilte Milwaukee Slam Publikum

 

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