Dasha Kelley, hochgewachsene
schwarze Dichterin und Organisatorin des Milwaukee Poetry Slam holt mich von
der Greyhound Station ab. Sie hat ein Hotel fuer mich gebucht, aber ich kann
erst am Nachmittag einchecken. Also fahren wir zunaechst bei ihr vorbei. Auf
dem Weg passieren wir das Black Holocaust Museum,
dass die Geschichte der
Sklaverei und Unterdrueckung der Schwarzen zeigt. Ich denke, die Juden in
Europa waeren nicht begeistert davon, den Holocaust Begriff auf die
Unterdrueckung der Schwarzen anzuwenden. In Milwaukee prallen ziemlich deutlich
klassische Mittelwestenbehaebigkeit, deutsches Brauchtum (zahlreiche
Brauereien) und der neben Chicago groesste Anteil an schwarzer Bevoelkerung der
Region aufeinander.
Dasha lebt jedenfalls nicht im
Getto. Ich betrete ein geraeumiges, geschmackvoll & teuer eingerichtetes
Haus. Vierjaehrige Tochter haengt sich sofort an mich und zeigt mir ihre
Zeichnungen (lauter Striche und Punkte), die aber alle geheime und wichtige Bedeutungen
haben, die sie mir vergeblich zu erklaeren versucht. Ein Baby schreit die ganze
Zeit, das Handy klingelt ununterbrochen. Der Mann kommt nach Hause und haengt
fortan ebenfalls ohne Unterbrechung am Telefon. Dasha ruehrt den Babybrei an,
waehrend sie parallel ihre emails checkt. Ob sie mir den Fernseher anmachen
soll, damit ich mich nicht langweile, fragt sie.

Trotzdem finden wir Zeit fuer ein
Interview ueber die schwarze Slamszene in Milwaukee. Der Slam hier, habe ich
gehoert, ist beruechtigt dafuer, weisse Dichter von der Buehne zu buhen. Dasha
hatte mich ja schon in Kalamazoo vor den Erwartungen ihres Publikums gewarnt,
doch mein Auftritt gestern in Madison vor einem ueberwiegend schwarzen Publikum
hat mich optimistisch gestimmt. Der Slam in Milwaukee ist erst ein paar Jahre
alt, aber hat bereits eine zentrale Stellung im Mittleren Westen und verfuegt
als eine der groessten Stadte hier auch ueber reichtlich Talentresourcen.
Natuerlich haben schwarze Slams
eine eigene Dynamik und Erwartungshaltung, meint Dasha. Die meisten Dichter
hier verstehen den Slam als Forum, ihrem Frust ueber Rassismus und
Unterdrueckung und schlechte Lebensbedingungen Luft zu verschaffen. Ein weisses
Publikum ist nicht immer gewillt, sich das einen ganzen Abend lang anzuhoeren. Daher,
so Dasha, brauchen wir unsere eigenen Orte. Es gibt eine lange Tradition des
revolutionaeren Gedichtes seit der fruehen Buergerrechtsbewegung, bei der
Dichter immer an vorderster Front waren, erklaert Dasha. Bis heute verstehen
sich viele schwarze Dichter als gesellschaftspolitische Revolutionaere und
Visionaere. Sie haben eine Botschaft. Sie wollen etwas veraendern.
Der muendliche Vortrag von Texten
kommt in einer schwarzen Gemeinde besonders gut an. Dasha erinnert an die
Tradition der afrikanischen Griots, die Geschichten und Geschichte in Form von
Liedern oder muendlichen Erzaehlungen von Generation zu Generation
weitergegeben haben.

Moderator des
Milwaukee Slams
Als ich sie frage, was denn ein gutes
Performance-Gedicht ausmacht, antwortet sie mir: Complex and dynamic
wordplay.In der Tat wird besonders auf Poetry Slams der spielerische Umgang mit
dem Wort (wieder)entdeckt. Das
Wortspiel galt ja in der europaeischen und insbesondere in der deutschen
Literaturgeschichte Jahrhunderte lang als trivial, da eher der Volkskunst
zugehoerig und nicht der Hohen Kunst. Doch wenn es tatsaechlich so etwas wie
Slam Poetry geben sollte, eine Poesie, die speziell durch den Slam
hervorgerufen wurde oder zumindest popularisiert wurde, so ist es die
Wortspielpoesie. Kein Wunder, dass bei deutschen Slampoeten satirische Dichter
wie Robert Gernhardt, Wilhelm Busch und Christian Morgenstern hoch im Kurs
stehen.
In den USA und speziell bei den
schwarzen Poetry Slams scheint das Wortspiel nicht so extrem unter
Trivialitaetsverdacht zu stehen. Das haengt vielleicht mit der Tradition
geistreicher (witty) Wortgefechte in der anglo-amerikanischen Geschichte
zusammen (z.B. bei Shakespeare) und evtl. auch mit magischen, schamanistischen
afrikanischen Traditionen. Und natuerlich haben Hip Hop und Rap damit zu tun,
die die klassischen Reimschemata und Metren der alten Griechen ad acta gelegt
haben um in einem spielerischen Kampf der Worte Identitaet und Ueberlegenheit
zu behaupten.
Schliesslich faehrt mich Dasha zum Hotel. Die einzige Veranstalterin, die mich nicht privat unterbringt. Das Hotel ist komfortabel ausgestattet: Doppelbett, Balkon, Foen, Buegelbrett & Buegeleisen und sogar eine Kaffeemaschine auf dem Zimmer. Leider liegt es an einer Ausfallstrasse weitab vom Zentrum und jeglichem oeffentlichen Nahverkehr. Burger King, McDonalds, Taco Bell, Pizza Hut wechseln sich mit Autoverleihfirmen ab. Alles Drive-Thru und Low Carb. Ueberall US-Flaggen. Will unbedingt zum nahen Ufer des Lake Michigan. Nur an einer Stelle ist der Blick auf ein fernes blaues Dreieck sichtbar. Alles abgesperrt, zugebaut. Privatbesitz.


Der Slam am Abend ist
enttaeuschend. Wenige Gaeste, schlechte Texte. Miserable Akustik. Ein Ventilator
brummt so laut, dass ich mein Aufnahmegeraet gar nicht aufbauen brauche. Der
Moderator liest staendig eigene Texte. Die Zuhoehrer gelangweilt, kaum Applaus
fuer die Slammer. Bin etwas frustriert. Habe wegen dieser Show extra mein
Programm geaendert. Habe aber
nicht den Eindruck, dass es jemanden besonders interessiert. Aber es ist auch
kein Debakel. Immerhin hoeren die Leute ruhig zu und buhen mich nicht von der
Buehne. Fuer mein Poem Against War gibt es sogar etwas mehr als
Hoeflichkeitsapplaus. Viele der Dichter tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift educated und lassen auch in den Texten manchmal
literarische und gesellschaftliche Bildung aufblitzen. Nicht jeder Schwarze ist
dumm, ungebildet und lebt im Getto, so die Message.

Das
gelangweilte Milwaukee Slam Publikum