Sechs Stunden Busfahrt von Ames, Iowa nach Minneapolis bei schwuelen ueber 30 Grad in einem vollgepackten Bus ohne Klimaanlage mit einem fluchenden schwitzenden Fahrer, der sich gelegentlich verfaehrt und waehrend waghalsiger Ueberholmanoever versucht, seine auf dem Steuer ausgebreitete Karte zu entziffern. Das alles nach der gestrigen Party und wenig mehr als 3 Stunden Schlaf.


Busstation Ames, Iowa
Als mich Cynthia und ihr neuer
belgischer Boyfriend Ruben um 6:30pm am Bus abholen, bin ich mehr tot als
lebendig und kaum in noch in der Lage einen geraden Satz zu reden. Im Gehen
eine schlabbrige mexikanische Pizza von Taco Bell eingefahren. Bereits um 8 Uhr
muessen wir bei einer Open Mike Veranstaltung in einem Jazzclub Downtown St.
Paul sein. (St.Paul ist die etwas kleinere irisch katholische Nachbarstadt von
Minneapolis, getrennt durch den Mississippi!, der hier nahe seiner Quelle ist -
Kanada ist nicht weit) Der Club ist recht gediegen. Eine sehr junge Jazzband
eroeffnet. Es treten Dichter, Musiker und viele Stand up Comediens an. Die
meiste Comedy erscheint mir allerdings ziemlich uninspiriert oder ich bekomme
die Gags nicht mit. Witze und Anspielungen in einer anderen Sprache zu
verstehen, ist besonders schwer. Zu sehr arbeiten diese Texte mit aktuellen und
lokalen Anspielungen, gruppenspezifischen Codes etc.

Cynthia French, Minneapolis Slam Host
Gebe der Crowd ein ziemlich pures
Soundpoetry Set. Bin muede, habe Angst, meine englischen Texte zu vergessen.
Hoefliches Klatschen, aber keine Begeisterungsstuerme wie in Iowa City.
Immerhin, die beiden Acts, die mir am Besten gefallen haben, kommen nach der
Show zu mir und druecken ihre offenbar ehrliche Begeisterung aus. Mattew ist
Sohn einer Deutschen und eines schwarzen Soldaten. Seine Texte erinnern an
HipHop sind aber sehr sophisticated, selbstironisch und nicht so hektisch. Dana
ist eine blonde Powerfrau, wie aus einer 80er Jahre US TV Serie und bot die
einzige Standup Comedy, die ich halbwegs witzig fand. Sie laedt mich zu einem
weiteren Open Mike am Mittwoch ein, ein Comedy Open Mike, aber ich wuerde da
gut reinpassen, ist sie ueberzeugt.
Cynthia ist ein wenig reserviert.
Weiss nicht, ob ihr meine Sachen gefallen oder nicht. Glaube, sie ist ein wenig
gestresst und genervt, dass sie sich um mich kuemmern muss. Sie ist gestern
erst von einer Show aus Texas zurueckgekommen, erst seit kurzem mit Ruben
zusammen und muss frueh morgens arbeiten. Ruben ist Boersenhaendler und beginnt
ab 7 Uhr in Cynthias Wohnzimmer, in dem ich auf dem Sofa schlafe, zu arbeiten.
Keine ideale Situation.


Fruehstueck, Lesen und Schreiben im
Cafe Amore. Gemuetliches Cafe mit wackeligen Holz-Tischen, plueschigen Sofas,
altem Klavier. Anschliessend in schwuel-heissem Wetter die Grand Avenue runter
Downtown St. Paul. Vielen kleine Holzhaeuser oder niedrige Backsteinbauten mit
Cafes, Restaurants, Weinlaeden, kleinen Boutiquen. In den Seitenstrassen viele
amerikanische Flaggen vor den Haeusern.
Ueber Downtown St. Paul thront die
riesige weisse Kuppel der Cathedral of St. Paul, eine Nachahmung des St. Peter
Doms in Rom. Downtown selbst unspektakulaer, keine Hochhaeuser, eine
gemaechliche Kleinstadt. Am Missisippi Ufer ein Holzkraftwerk und tief unten
Raddampfer.

Abends Poetry Slam in Kierans Irish
Pub, Downtown Minneapolis. (http://home.comcast.net/~cynthia.french/slammn)
Es ist ausnahmsweise ein Prop Slam,
d.h. es duerfen Requisiten benutzt werden. Kierans ist von Aussen ein oedes
Betongebaeude, innen ein gemuetlicher, grosser, verwinkelter Pub mit dunkler
Theke und zahlreichen Irland Gimmicks, der sich ueber mehrere Raueme erstreckt.
Es gibt keine Buehne. Geslammt wird auf dem schmalen Podest des Kamins unter
dem Bild von J.F. Kennedey und einer Irland Flagge. Die Regeln sind streng: For intentionally not using a prop, gibt es massiven Punktabzug. For
unintentionally not using a prop,
gibt es auch Punktabzug.
MC ist heute abend eine aufgedrehte
und betrunkene Punkpoetin, die sich als Pirat ausgibt. Natuerlich finden sich
viele Alibi Props. Elmar, ein schwarzer Protest Hip Hopper in Fernsehpredigerart,
schleppt die ganze Zeit einen Stuhl mit sich herum. Mattew, den ich schon
gestern beim Open Mike traf, ist smarter. Er zieht woertlich die Race Karte,
und traegt ein selbstironisches Gedicht ueber Black Consciousness vor, zu dem
er passend Karten aus dem Aermel zieht. Die meisten Dichter rappen, die meisten
versuchen witzig zu sein. Bei fast allen geht es um SEX.
Der Prop Slam und andere Themenslams (naechste Woche ein Chick-Slam, nur fuer Frauen) dient dem Fundraising fuer
den National Slam, der im August 2004 in St. Louis stattfinden wird. Die Teams
muessen nicht nur fuer ihre Anfahrt und Unterkunft selbst zahlen sondern auch
eine Teilnahmegebuehr von 400$. Diese Teilnahmegebuehr ist die Basis fuer die Organisation des
Nationals und fuer die recht hohen Geldpreise (ich glaube 2000 US Dollar fuer
das Gewinnerteam ) Zusaetzlich muessen alle Slams, die Mitglied in der
Slamorganisation PSI sind eine jaehrliche Mitgliedsgebuehr bezahlen. PSI =
Poetry Slam Incorporated Inc. (www.poetryslam.com)
ist ein gemeinnuetziger Verein, gegruendet vor allem, um die jaehrlichen
National Slams zu veranstalten und Poetry Slam zu vermarkten. Cynthia ist
selbst Mitglied im PSI Vorstand und hat 2002 einen viel gelobten National Slam
in Minneapolis ausgerichtet.
Anyway, mein Auftritt in
Minneapolis erweckt ebenfalls keine gigantische Begeisterung. Die Leute hoeren
immerhin aufmerksam zu. Keiner lacht. Keine Reaktion auf mein Poem against
war. Immerhin, einige
verkaufte CDs. Ein paar Leute kommen zu mir, komischerweise fast immer
Dichterkollegen, u.a Matthew. Auch Ruben, Cynthias Freund ist begeistert und
meint, er wuerde mich am liebsten managen.

Ruben ist ein interessanter Typ.
Cynthia hat ihn beim Chatten im Internet aufgestoebert. Sie kennen sich jetzt
ein Jahr. Sie war einmal in Europa und seit zwei Wochen ist Ruben nun in den
USA. Als Boersenhaendler kann er von ueberall aus arbeiten. Waehrend wir im Chilis
(eine Restaurantkette) sitzen
und Rubens Lieblingsgericht Onion Blossoms (frittierte Riesenzwiebeln) verspeisen, erzaehlt er, dass er waehrend des Studiums in Gent mal eine
Partei mitgegruendet habe, BANANAS, halb Spasspartei, halb Ernst. Hauptziel, eine
finanzielle Grundsicherung fuer alle, ein Einkommen, unabhaengig von der
Arbeit. Auf der Liste seien einige gesuchte Kriminelle gewesen. Man haette
Politiker mit intimen Fotos erpraesst, damit sie fuer die Partei buergen.
Gescheitert sei die Partei aber an einer ueberraschenden Vorziehung des
Wahltermins, der genau in die Klausurzeit gefallen sei. Nach dem Studium hat er
eine Internet Firma aufgemacht, ist Bankrott gegangen, vor dem Fiskus und der
Polizei in die USA geflohen, hat zwei Jahre in Texas gelebt. Hat gesehen, wie
einfach Boersenhaendler ihr Geld verdienen und sich gesagt, das kann ich auch.
Im Unterschied zum Boersenmakler (der das Geld anderer verwaltet, meist grosser
Firmen), handelt er nur mit eigenem Kapital.

Downtown Minneapolis
Mit Ruben fahre ich zum Grumpy Open Mike, zu dem mich Dana am Montag
eingeladen hatte. Ein winziger Schlauch von Raum (Abstellkammer einer
groesseren Bar) winzige Buehne, ca. zehn Leute. Dana ist nicht da. Frage nach
dem Host.
We only do comedy here, sagt er. We want to
keep this pure.
Die Show ist denn auch pure Scheisse. Als Dana schliesslich einrauscht wie ein Wirbelwind, packt sie uns buchstaeblich und zerrt uns aus dem Raum - I know a better place. Mit Danas Auto fahren wir zum Flussufer. Ein gediegener Club mit grosser Buehne und ca. 50 Zuschauern. Die Comedians sind gar nicht so schlecht. Hauptthema auch hier allerdings SEX. Nur ein Comedian ist ein wenig politisch. Der Host setzt mich und Dana ans Ende der Liste. Es dauert ewig, bis alle durch sind. Ich bin der Letzte und definitiv der Saalfeger. Das Publikum ist auf ca. 12 Leute geschrumpft, von denen die Haelfte waehrend meiner Performance den Saal verlassen. Ignoranten, schimpft Dana. Ich weiss nun, dass ich definitiv nicht Comedy bin, auch wenn es gelegentlich vorkommt, dass Leute waehrend meiner Soundpoeme lachen. Du musst ein Videotape zur David Letterman Show schicken, meint Dana. Auch Ruben findet das eine gute Idee.