Slam meets Porno, Oakland, 1.7.

 

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Charles Ellik hat mich eingeladen, mit ihm heute einen weiteren Slam in Oakland zu besuchen. Wenn du mal was wirklich abgefahrenes sehen willst. Tourettes without regrets heisst die Show. Moderiert von Jamie Kennedy, selbst ein ziemlich bekannter und beruechtigter Dichter. Es gibt einen battle of the bay zu sehen, also ein Teamwettbewerb mit verschiedenen Slamstaedten.  Tourettes without regrets ist die heisseste, verrueckteste und groesste Slamshow der Westkueste, verspricht Charles.

Vor dem Veranstaltungsort, dem Oakland Metro Theater, eine lange Schlange  mehr oder minder hipper und zumeist ziemlich aufgebrezelter junger Leute. Charles schmuggelt mich am Tuersteher vorbei in die erste Reihe. Direkt neben mir ein Typ mit Unterhemd und turmhoher Afroperuecke. Daneben ein Pompom Girl mit weissem Faltenminirock, hohen weissen Schnuerstiefeln und blauem kurzem Glitzertop mit Einblicken in einen schweren Silikonbusen. Doch sie sitzt nie still, taetschelt hier ein Knie, da einen Kopf, kreischt in einer hysterisch hohen Stimme. Auf der Buehne nackte Schaufensterbuesten und diverse Utensilien, deren Bedeutung ich noch nicht entraetseln kann.

 

Langsam fuellt sich der Raum mit ca 400-500 Besuchern. Erster Programmpunkt: Das Dirty Haiku Battle. Zwei Dichter haben in mehreren Runden jeweils 30 Sekunden Zeit ein moeglichst anzuegliches Haiku zu improvisieren. Ein aelterer und ein juengerer Schwarzer messen sich. Die Menge stoehnt jeweils auf, wenn einer der beiden etwas besonders Perverses sagt. Die beiden Dichter bekommen die Buchstaben X und O. Das Publikum muss nach jeder Runde den Buchstaben seines Favoriten bruellen. Im Hintergrund heizen Pompom Girls mit amerikanischen Flaggen, Zylinder und kurzen Roeckchen die Stimmung an.

 

Nach dem Haiku Battle wird die Reihenfolge der spaeter antretenden Slamteams durch ein Spielchen mit den Teamcoaches festgelegt. Die Coaches der teilnehmenden Teams Berkeley, San Francisco, Oakland, Sacramento und Monterrey muessen zur Reise nach Jerusalem antreten, jenem Kinderspiel, bei dem immer ein Stuhl zu wenig da ist. Solange die Musik spielt, laeuft die Gruppe im Kreis um die Stuehle. Wenn die Musik abrupt aufhoert, muessen alle so schnell wie moeglich einen Stuhl finden. Natuerlich artet dieses Spiel mit erwachsenen, nicht mehr ganz nuechternen Maennern in Rempeleien aus, die vom Moderator noch angeheizt werden. Zum Schluss sind noch der japanische Coach des SF Teams und Charles Ellik vom Berkeley Team uebrig. Beide haben die Oberkoerper frei gemacht und belauern sich. Charles gewinnt, nach kurzem, heftigen Zweikampf. Der Lohn: sein Team hat die Ehre als Letztes anzutreten.

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Doch vor dem eigentlichen Teambattle findet noch ein Head to Head Freestyle Battle statt. Mehrere Freestyler treten in Zweiergruppen gegeneinander an und muessen sich in jeweils 30 Sekunden moeglichst kunst- und fantasievoll dissen, das heisst, sie muessen spontan und in Reimen darlegen, warum der andere nichts drauf hat und sie selbst die Besten sind. Die Sieger treten nochmals gegeneinander an.

 

Die Stimmung im Saal steigt. Die Maedels beginnen zu kreischen und die ersten BHs fliegen auf die Buehne. Ein Pompom Girl greift sich einen BH und benutzt ihn fortan als Fahne, um die Zeit fuer die Freestyler abzuwinken. Der Typ mit der Turmperuecke hat sich mittlerweile in einen Matrosenanzug geworfen und vollfuehrt mit seiner Partnerin (mittlerweile im Glitzer Cowboy Outfit) obszoene Taenze auf und neben der Buehne. Der einzige weisse Freestyler hat sich mit Nachthemd, Peruecke und Krueckstock und gebaeugtem Gang als rheumatische Grossmutter verkleidet und tritt als Yo Mama an (vermutlich  einen Anspielung auf den gleichnamigen Zappassong). Ich verstehe zwar kein Wort, aber ich merke, dass sein Style gegen den schwarz-asiatischen Mischling in der Pelzmuetze mit den Fan-Man-Ohrenklappen (remember William Kotzwinkle?) nicht bestehen kann.

 

 

 

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Noch ein Maedel in der ersten Reihe entbloesst ihren Oberkoerper und ihre perfekten Brueste und kreischt dabei durchdringend.  Auf der Buehne tappt jemand in einem grossen roten Baerenkostuem mit weissem Bauch umher. Nach dem Freestyle Battle sind noch einmal die Coaches gefragt. Bevor ihre Teams richtig loslegen, koennen sie Zusatzpunkte sammeln.

 

 

Moderator Jamie Kennedy holt den Matrosen und seine Cowboygefaehrtin auf die Buehne. Es sind professionelle Stripper. Wer die beiden am erotischsten anmacht, gewinnt die Punkte fuer sein Team. Charles macht gleich wieder seinen hageren aber gut trainierten Oberkoerper frei, loest seine wilde Lockenpracht, setzt sich rittlings auf das Maedel, dann auf den Seemann und wackelt mit dem Hintern. Der japanische Coach des SF Teams macht sich ebenfalls frei und wirft die Taenzer mit einem  pseudo-japanischen Kampfkunstgriff zu Boden, um dann triumphierend ueber ihnen zu posieren.

Das einzige Maedel in der Coach-Runde, die Slammasterin aus Monterrey wirf nach einigem Zoegern ihr Schnuerkorsett und ihre entzueckende kleine Fellmuetze von sich. Der Slammaster aus Oakland, ein schwerfaelliger Schwarzer findet keinen Gefallen an diesem dekadenten Treiben und macht nur halbherzig mit. Khiry, der jamaikanische Slammaster aus Sacramento hat objektiv den erotischsten Koerper und ueberdies - die Menge haelt die Luft an - ja, er macht es - er zieht die Hose runter. Kurz nur, aber er hat es getan. Genug fuer den Sieg.

 

 

 

Jetzt endlich treten die ersten Teams gegeneinander an, um diesen Battle of the Bay zu entscheiden und damit festzulegen, wer von den Bay Area Teams zum National Slam nach St. Louis faehrt. Es geht diesmal also um mehr als die Ehre. Ringmaster und Moderator Jamie stellt klar. Das hier ist nicht irgendein Slam, sondern Tourettes. Das hier ist keine wir-haben-uns-doch-alle-lieb-Veranstaltung, sondern das hier ist Kampf.  Eure kleinen B-Poems, mit denen ihr eure Freunde beeindruckt habt, ziehen hier nicht. Ich will das ihr nur euren BESTEN SCHEISS bringt. Egal wie oft ihr die Texte vorher gemacht hat, hier kennt sie niemand. Also bringt nur den BESTEN SCHEISS, den ihr habt. Versteht ihr? Das Beste vom Besten! Nicht mehr und nicht weniger. Jetzt alle: BEST SHIT!

Bereits das Sacrifice Poem (Gedicht vor dem eigentlichen Wettbewerb mit Probewertung der Jury) eines Asiaten reisst 10 Punkte. Die folgenden Dichter rackern sich in der Tat ab, dass ihnen der Schweiss aus dem Angesicht tropft. Niemand liest vom Blatt. Einstudierte Gestik, perfektes Timing. Eine extrem gemischtrassige Veranstaltung. Asiaten, Mexikaner, Schwarze, Weisse... Die meisten sind so rasend schnell, dass ich nur Fragemente verstehe. Der japanische Slammaster von SF erzaehlt etwas ueber sein zwar durchschnittliches, aber gerade deswegen tolles Geschlechtsteil und unterstuetzt diese Message, indem er sich wuest am Mikrostaender reibt. Tosender Applaus.

Ein dickes schwarzes Maedel sagt etwas ueber ihren Koerper, ueber Sklaverei und schwarze Frauen, eine maessige Performance, die aber trotzdem hoch punktet. Vermutlich eine wichtige Message, die mir entgangen  ist. Auch die ueberwiegend jamaikanische Mannschaft aus Sacramento posiert eher koerperlich. Lediglich ein gealterter Che Guevara Typ mit oedematischen Fuessen in Gesundheitssandalen packt die Wortspielkiste aus und praesentiert ein interaktives Gedicht. Doch Chancen haben nur Dichter, bei denen es um DAS EINE geht. Sex sells, am Besten kombiniert mit der politisch richtigen Message. Wo irgend moeglich wird die sexuell aufgeheizte Stimmung vom Moderator noch angefacht. Es ist ein Hexenkessel. Ohrenbetaeubendes Kreischen der Fans kurz vor der Ohnmacht. Viel anders kann es auf den fruehen Beatles-Konzerten auch nicht zugegangen  sein.

Nach der ersten Runde muessen sich die Team-Coaches wieder beweisen.

Herz, Wort oder Performance. Fuer was steht euer Team? ist die Frage, die der Moderator ihnen vorwirft.

Wort, sagt Charles, Herz sagt Khiry. Niemand entscheidet sich fuer Performance. Der Ekel scheint echt, als Charles fuer sein Wort-Team eine echte Rinderzunge ueberreicht bekommt und Khiry natuerlich ein echtes Rinderherz. Damit sollen sie einen Schiedsrichter bewerfen, der mitten im Saal in der Menge steht. Collateralschaeden bleiben nicht aus. Khiry hat das bessere Wurfgeschoss und gewinnt erneut. Doch an der letzten Aufgabe, droht Khiry zu scheitern. Dabei sollen Teamcoaches  ein Glas Tequila mit einer Portion lebendiger Wuermer hinunterspuelen. Harmloser als die RTL Dschungel Show. Doch Khiry weigert sich als einziger der Coaches beharrlich, bis der ganze Saal ihn anfeuert und hunderte Stimmen bruellen: Khiry, Khiry, Khiry. Er hat keine Chance mehr. Er muss es tun. Er tut es.

 

An das zweite Slamset schliesst sich noch mal ein Freestyle Battle an, diesmal in einer Heftigkeit, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Der hispanische Rapper Infinite steht einem Asiaten gegenueber. Wenn ich auch die Worte nicht immer verstehe, so merke ich, wo der Flow flutscht, wann es rhythmisch komplexer wird und wann die Kontrahenten einen satten Treffer landen und Infinite ist seinem Mitstreiter immer eine Wortumdrehung voraus.

Charles Ellik mit Rinderzunge

Infinite gewinnt ueberlegen und bringt als Zugabe ein Beatboxing Solo, das alles in den Schatten stellt, das ich je in diesem Gebiet gehoert habe. Der Mann ist eine komplette One-Man-One-Mouth-Band. Hyperkomplexe Rhythmen verweben sich polyphon mit Scratchgeraeuschen  und Melodieelementen. Ein echter Meister seines Faches, handwerkliche Praezisionsarbeit gepaart mit exzessiver Spielfreude und Einfallsreichtum.

Doch der Hoehepunkt des Abends kommt erst noch. Nachdem der Moderator schon mal das Publikum dazu aufgerufen hat, mit den anwesenden Dichtern Sex zu haben - Wer hat schon mit einem Dichter Sex gehabt? Ehrliche Meinung...es heben sich eine Reihe von Haenden....wird ein Alien auf die Buehne getragen. Das Alien entpuppt sich vor dem Mikrophon wie eine Raupe und ein kleines schmales Maedchen im weissen Nachthemd steht allein auf der grossen Buehne.

Es ist unglaublich aber wahr, keucht der Moderator, dieses kleine unschuldige Maedchen hat die drei letzten Slams in Oakland haushoch gewonnen. Sie ist acht Jahre alt und unser Featured Poet. Nervoes scheint die Kleine jedenfalls nicht zu sein, vor dieser tobenden, sexuell aufgeheizten Masse um 1 Uhr nachts Gedichte vortragen zu muessen. Ihre Gedichte kreisen um den betrunkenen Vater, der die Mutter schlaegt, doch schliesslich habe die Mutter zurueckgeschlagen...tosender Applaus im Saal und nach dem Set von gut 15 Minuten Standing Ovations.

 

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