Einen Tag nach Pasadena runterzuheizen
fuer einen Auftritt ohne einen Cent Honorar, um am naechsten Tag die ganze
Strecke retour zu machen, ist eigentlich Irrsinn. Insgesamt 20 Stunden Busfahrt
fuer 20 Minuten Auftritt. Achteinhalb Stunden dauert die Fahrt quer durch
Kalifornien alleine nach Los Angeles. Von da aus noch mal ein bis zwei Stunden
nach Pasadena (ein Vorort von L.A.) Ich weiss nicht, warum ich mich auf diese
Einladung von Don Kingfisher Campbell eingelassen habe. Vielleicht, weil es mal
kein Slam ist sondern eine kleine Lesereihe in der Stadtbibliothek. Vielleicht
wegen des klangvollen Namens meines Einladers. Ganz bestimmt nicht aus
Sehnsucht nach L.A.

Am Busbahnhof schaerfste
Sicherheitskontrollen. Schlagzeile im SF Cronicle: Final Salut to Reagan (wird nach fast einem Monat
Beerdigungszeremonien auch Zeit). Die Fahrt: Gleissendes Sonnenlicht, braune
Berge mit gelbem Gras und grauem Gestruepp. Gelbe Duenen. Dazwischen wie eine
Fata Morgana Orangenfelder. Im Bus Asiaten mit Basttaschen und Strohhueten und
viele Mexianer, kleine gedrungene Typen mit verschmierten Jeans, grossen
Guertelschnallen, weissen Cowboyhueten und schwieligen Haenden. Schliesslich
die weissen Buchstaben in den Bergen. H.O.L.L.Y.W.O.O.D. Es gibt diesen Ort
wirklich.
Bei der Ankunft in L.A. ist der Bus
eine Stunde zu spaet. Die
Anweisungen von Don erweisen sich als unbrauchbar. Nein, es gibt keine Metro
direkt vom Greyhound Depot nach Pasadena. Ich muss mit mehreren Bussen quer
durch Downtown L.A. bis Broadway. Dort in einen Zug steigen bis zur Union
Station. Dort in die Metro Gold Line nach Pasadena. Und immer wieder warten.
L.A. ist nicht die ideale Stadt, sich mit oeffentlichen Verkehrsmitteln
fortzubewegen. Nein, es gibt auch keine Lakeview Station, immerhin eine Lake Station. Ruf mich von hier aus an und ich hole
dich ab, schrieb Don. Nein, Don ist nicht zu Hause, sagt eine Kinderstimme,
waehrend neben dem Payphone ein 6spuriger Freeway droehnt, so dass ich fast
nichts verstehe. Nein, sie weiss nicht, wo er ist. Ich soll zum Washington
Boulevard laufen. Dann wird die Verbindung unterbrochen.
Wo zum Teufel ist der Washington
Boulevard? Wo ist die Buecherei? Wo bin ich ueberhaupt? Bin ich hier in
Pasadena? Ein Passant erklaert mir, dass es eine Buecherei auf dem Washington
Boulevard gebe, aber das sei die Catalina Library und nicht die Pasadena
Library. Die Pasadena Public Library sei in der entgegengesetzten Richtung.
Entscheide mich trotzdem mein Glueck am Washington Boulevard zu suchen. Aber,
so der Passant, es ist zu weit zu laufen. Also warten auf den Bus. Die schwarze
Busfahrerin hat keine Ahnung, wo der Washington Boulevard ist. Ein alter
zahnloser Mexikaner zeigt mir den Weg.

Ja, Hurrah und hier ist die
Buecherei - eindeutig, doch ach: sie ist geschlossen. Alles zu, vorne,
seitwaerts, nichts, auch dahinter - ein leerer Parkplatz - alles finster. Es
ist nach 8pm. Die Lesung haette um 7pm beginnen sollen. Das erste Mal waehrend
meiner US Reise bin ich verzweifelt. Was tun? Rufe noch mal bei Don an. Wieder
das Kind. Nein, sie kann mir nicht helfen. Sie weiss nicht, wo Don ist oder
wann er zurueckkommt. Nein, er hat kein Mobiltelefon. Die Gegend hier,
Wohngegend. Kaum etwas los. Der einzige Passant ein Obdachloser, der mich
anschnorrt. Bruelle ihn an. Trete gegen die Telefonzelle. Scheisse. Was tun?
Habe den ganzen Tag nichts gegessen. Zurueck zur Kreuzung. Safeway. Hole mir
Snickers und Zigaretten (gegen Ausweis). Rauche auf den Stufen der Bibliothek.
Alles finster. Natuerlich schleppe ich die ganze Zeit ueber meinen
tonnenschweren Rucksack mit herum, CDs, Buecher, Aufnahmegeraet, Kassetten usw.
Schliesslich gehe ich doch noch einmal um das gesamte Gebaeude herum und entdecke an der Rueckseite eine unauffaellige Tuer, die aufsteht und aus der Licht faellt. Ein winziger Raum, fast eine Abstellkammer. Doch tatsaechlich sitzen hier eine Handvoll aelterer Menschen und lauschen dem Vortrag einer verhaermten schwarzhaarigen Lady im Fransenrock. Sie spricht davon, dass die Palaestinenser keinen Anspruch auf das Land haetten auf dem sie leben, denn die Israelis waren zuerst da. Das stehe in der Bibel. Der Vortrag ist so grauenhaft wie der Text. Es ist fast 9pm. Falle auf einen Stuhl. Todmuede von mehr als 12 Stunden Reise. Ein graubaertiger Typ winkt mir zu. Don hatte mir nichts davon gesagt, dass es sich um ein Open Mike handelt. Es dauert endlos. Don setzt mich einfach an das Ende der Liste. Viele schrecklich schlechte Texte, schrecklich schlecht vorgetragen, vielleicht mit Ausnahme einer jungen lesbischen Schwarzen.
Einige der Zuhoerer sind schon so klapprig,
dass sie noch vor meinem Auftritt, schwer atmend den Rueckzug antreten.
Hoechstens ein Dutzend Zuhoerer harren aus. Meine eigenen Sachen trage ich wie
in Trance vor. Doch ueberraschender Weise, gefaellt es den wenigen Zuhoerern.
Sie gehen zwar meist am Stock, doch verfuegen sie im Gegensatz zum Slampublikum
ueber eine literarische Bildung. Gertrude Stein und Dada und Fluxus sind ihnen
nicht fremd. Das ist zur Abwechslung mal ganz angenehm. Einer stellt sich als
Elazar vor. Er haette vor einigen Jahren mit dem Fluxuskuenstler Emmet Williams
die Something Else Press
herausgegeben. Jetzt finde ich es doch schade, dass ich nicht laenger bleiben
kann. Einige interessante Leute mit guten Kontakten hier. Doch morgen hatte
mich Becky noch einmal nach San Jose eingeladen, zum Battle of the Bay, dem Equivalent zur Midwest Slam Legue, also
ein Wettbewerb mit Teams aus verschiedenen Staedten.
Die weniger angenehme Ueberraschung. Don hat nicht daran gedacht, sich um eine Uebernachtung fuer mich zu kuemmern. Gluecklicherweise bietet sich seine Freundin Lyn an, mich unterzubringen, ein etwas verbrauchtes California Sunny Girl, etwa 50jaehrig in Hotpants und Sneakers. Sie besitzt einen nervoesen Terrier, den sie meist auf ihren Haenden durch die Gegend schleppt.
Late Dinner mit Don und Lyn. Don ist ein seltsamer Typ. Er redet wenig, und wenn, nur um irgendwelche zynischen, provokativen bis beleidigenden Bemerkungen zu machen. Der Typ ist als Host einer Poetry Show eine totale Fehlbesetzung und auch als Moderator voellig daneben. Sein einziger Spass, jegliche Kommunikation zu stoeren. Meine Texte scheinen ihm gefallen zu haben, vielleicht auch, weil sie ebenfalls mit Kommunikationsstoerung zu tun haben. Er ueberreicht mir gnaedig 2 Dollar fuer die Busfahrt nach L.A. morgen. Was fuer ein Witz.

Lyn ist fast ebenso seltsam wie
Don, allerdings eher hysterisch ueberdreht mit einem hohen kindlichen
Stimmchen. Sie lebt in einem ueber 100 Jahre alten Holzhaus, eingerichtet als
Puppenstube mit rosa Spitzendeckchen und gerahmten Hundebildern mitten in the
hood, der angeblich uebelsten
Nachbarschaft des gesamten Grossraums L.A. Gangster und Zuhaelter durchstreifen
das Revier die ganze Nacht mit Boomcars (Ruecksitze fuer gigantische Boxen ausgebaut), die die Regale bei
Lyn erzittern lassen. Gegenueber wohnt eine schwarze 20koepfige Grossfamilie in
einem 2-Bedroom Appartment. Die Kinder fast die ganze Zeit auf der Strasse.
Geschlafen wird in Schichten. Vor dem Haus stolzieren Prostituierte. Zumeist extralarge. Das sei im Moment bei den Schwarzen sehr
angesagt. Von Aussen sieht die Gegend gar nicht so schlimm aus. Meist kleine
Steinhaeuschen, die fast wie Condos (Eigentumswohnungen) aussehen, tatsaechlich
aber Sozialwohnungen sind. Frueher haette hier die schwarze Dienerschaft der
weissen Herren gewohnt.
Ich habe keine Vorurteile gegenueber Schwarzen, deshalb bin ich hier eingezogen, sagt Lyn. Das Haus war billig und huebsch. Es gab einen guenstigen staatlichen Kredit fuer Geringverdiener. Doch ich war naiv. Hatte keine Ahnung, in was fuer eine Gegend ich geraten war.
Mit den Nachbarn liege ich im Dauerstreit. Staendige Prozesse. Ich wollte den Maschendrahtzaun um den Garten wegen der Prostituierten mit Holzlatten blickdicht machen. Doch das sei illegal, behaupten die Nachbarn. Ausserdem wachse ein Baum von ihrem auf das Nachbargrundstueck.


Lyn ist von Haus aus Journalistin, aber schon lange arbeitslos. Ihr Leben dreht sich fast ausschliesslich um den verwoehnten und neurotischen Terrier Ewok, mit dem sie sich in einer exaltierten Babysprache unterhaelt. Ein Geschenk ihrer Mutter kurz bevor sie starb. Eigentlich sollte er Shakespeare heissen. Doch er sah nicht nach Shakespeare aus sondern nach Ewok, sagt sie.
Du bist kein Shakespeare, nicht wahr, sagt sie zum
Hund, waehrend sie ihn direkt vor ihr Gesicht haelt und Kuesschen auf die nasse
Schnauze gibt. Du bist ein Ewok. Das ist es, was du bist. Es kann nicht jeder
Shakespeare sein, nicht wahr (Kuesschen, Kuesschen)
Fuer
den naechsten Tag habe ich eine erstaunlich
komfortable Busverbindung in nur 6 Stunden direkt von Pasadena nach San Jose
entdeckt. Andernfalls haette ich bereits um 7 Uhr morgens wieder in L.A. sein
muessen. So kann ich ausschlafen, auch wenn der Koeter die halbe Nacht ueber
bellt, um den Eindringling (mich) zu vertreiben. Lyn macht Pfannkuchen zum
Fruehstueck und faehrt mich zur Greyhound Station. Tour durch ihr Viertel.
Siehst du? Hier diese Gruppen arbeitsloser Mexikaner in ihren Unterhemden?
Besser nicht zu langsam fahren. Obwohl, die Mexikaner sind besser als die
Schwarzen, familienorientierter, nicht ganz so kriminell.
Siehst du, hier? Diese huebsch restaurierten alten Holzvillen. Gehoeren alle einem schwulen Haeusermakler. Die Schwulen haben ein Talent dafuer Viertel zu entdecken, in heruntergekommenen Haeuserblocks Potential zu entdecken. Lassen sich leicht vom Charme des Altmodischen begeistern. Haben wenig Vorurteile und Hemmungen, mit Minderheiten wie Chicanos, Asiaten oder Schwarzen zusammmenzuleben. Sie finden diese suessen kleinen alten Haeuschen quasi im Dreck und restaurieren sie liebevoll. Erst eins, dann zwei, dann einen ganzen Strassenzug, siehst du hier, ich glaube hier wohnt der Makler selbst, es ist vielleicht ein bisschen overdone, aber immerhin. Wenn Schwule ein Viertel entdecken, ist das ein gutes Zeichen. Das Viertel wird aufgewertet. Die Grundstueckspreise steigen. So veraendern sie die Viertel.
Meine geniale Busverbindung
entpuppt sich als Flop. Schon in Pasadena hat der Bus eine halbe Stunde
Verspaetung. Dadurch verpasse ich den Anschluss in San Fernando. Der naechste
Bus zwei Stunden spaeter. Damit kann ich meinen Auftritt in San Jose vergessen.
Der Ort ist ein Glutofen, die
Busstation in the niddle of nowhere, keine Chance, zu Fuss irgendwo hin zu
gehen. Lasse mich auf den fleckigen Hartschalensitzen der kleinen Busstation
nieder, umgeben von mexikanischen Grossfamilien, deren Kinder ueber meine
Fuesse fallen. Natuerlich ist auch der Nachfolgebus zu spaet.

Als ich schliesslich kurz vor 11pm,
hungrig, durstig und erschoepft im Waves in San Jose einlaufe, ist die Show weitgehend gelaufen. Battle
of the Bay, das heisst mehrere
Teams von verschiedenen Slamstaedten aus der Bay Area treten gegeneinander an.
Diese Wettbewerbe, die in verschiedenen Staedten ausgetragen werden, dienen
dazu, zu bestimmen, wer von den Bay Area Teams am National Slam im August in
St. Louis teilnimmt. Im Gegensatz zum letzten Mal in San Jose ist es heute
brechend voll. Eigentlich hatte ich Becky so verstanden, dass ich heute noch
auftreten sollte. Aber dafuer ist es wohl zu spaet.
Die Stimmung im Saal ist
gigantisch. Das sehr junge Publikum feiert die Teams aus Oakland, San
Francisco, Monterrey, Palo Alto und natuerlich San Jose. Beim Rauchen vor der
Tuer treffe ich endlich Mike McGee, den eigentlichen Slammaster von San Jose,
ein kleiner lustiger Dicker mit Ziegenbart, der letztes oder vorletztes Jahr
National Slam Champion war, ich weiss jedoch nicht, ob mit Team oder Solo.
Auch William Jeske von der
Organisation Aural Tradition
(www.auraltradition.com), eine Art
Dachorganisation fuer den Slam und weitere Veranstaltungen, ist heute hier.
Ueberraschenderweise ein junger glatter Beamtentyp mit grauer Hose, weissem
Hemd, Aktentasche und bravem Haarschnitt. Zum Abschluss gibts eine Runde
Vaporisieren bei Becky.