In the hood, Pasadena/ San Jose 28. - 29.6.

 

Einen Tag nach Pasadena runterzuheizen fuer einen Auftritt ohne einen Cent Honorar, um am naechsten Tag die ganze Strecke retour zu machen, ist eigentlich Irrsinn. Insgesamt 20 Stunden Busfahrt fuer 20 Minuten Auftritt. Achteinhalb Stunden dauert die Fahrt quer durch Kalifornien alleine nach Los Angeles. Von da aus noch mal ein bis zwei Stunden nach Pasadena (ein Vorort von L.A.) Ich weiss nicht, warum ich mich auf diese Einladung von Don Kingfisher Campbell eingelassen habe. Vielleicht, weil es mal kein Slam ist sondern eine kleine Lesereihe in der Stadtbibliothek. Vielleicht wegen des klangvollen Namens meines Einladers. Ganz bestimmt nicht aus Sehnsucht nach L.A.

 

Am Busbahnhof schaerfste Sicherheitskontrollen. Schlagzeile im SF Cronicle: Final Salut to Reagan (wird nach fast einem Monat Beerdigungszeremonien auch Zeit). Die Fahrt: Gleissendes Sonnenlicht, braune Berge mit gelbem Gras und grauem Gestruepp. Gelbe Duenen. Dazwischen wie eine Fata Morgana Orangenfelder. Im Bus Asiaten mit Basttaschen und Strohhueten und viele Mexianer, kleine gedrungene Typen mit verschmierten Jeans, grossen Guertelschnallen, weissen Cowboyhueten und schwieligen Haenden. Schliesslich die weissen Buchstaben in den Bergen. H.O.L.L.Y.W.O.O.D. Es gibt diesen Ort wirklich.

 

Bei der Ankunft in L.A. ist der Bus eine Stunde  zu spaet. Die Anweisungen von Don erweisen sich als unbrauchbar. Nein, es gibt keine Metro direkt vom Greyhound Depot nach Pasadena. Ich muss mit mehreren Bussen quer durch Downtown L.A. bis Broadway. Dort in einen Zug steigen bis zur Union Station. Dort in die Metro Gold Line nach Pasadena. Und immer wieder warten. L.A. ist nicht die ideale Stadt, sich mit oeffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen. Nein, es gibt auch keine Lakeview Station, immerhin eine Lake Station. Ruf mich von hier aus an und ich hole dich ab, schrieb Don. Nein, Don ist nicht zu Hause, sagt eine Kinderstimme, waehrend neben dem Payphone ein 6spuriger Freeway droehnt, so dass ich fast nichts verstehe. Nein, sie weiss nicht, wo er ist. Ich soll zum Washington Boulevard laufen. Dann wird die Verbindung unterbrochen.

 

Wo zum Teufel ist der Washington Boulevard? Wo ist die Buecherei? Wo bin ich ueberhaupt? Bin ich hier in Pasadena? Ein Passant erklaert mir, dass es eine Buecherei auf dem Washington Boulevard gebe, aber das sei die Catalina Library und nicht die Pasadena Library. Die Pasadena Public Library sei in der entgegengesetzten Richtung. Entscheide mich trotzdem mein Glueck am Washington Boulevard zu suchen. Aber, so der Passant, es ist zu weit zu laufen. Also warten auf den Bus. Die schwarze Busfahrerin hat keine Ahnung, wo der Washington Boulevard ist. Ein alter zahnloser Mexikaner zeigt mir den Weg.

Ja, Hurrah und hier ist die Buecherei - eindeutig, doch ach: sie ist geschlossen. Alles zu, vorne, seitwaerts, nichts, auch dahinter - ein leerer Parkplatz - alles finster. Es ist nach 8pm. Die Lesung haette um 7pm beginnen sollen. Das erste Mal waehrend meiner US Reise bin ich verzweifelt. Was tun? Rufe noch mal bei Don an. Wieder das Kind. Nein, sie kann mir nicht helfen. Sie weiss nicht, wo Don ist oder wann er zurueckkommt. Nein, er hat kein Mobiltelefon. Die Gegend hier, Wohngegend. Kaum etwas los. Der einzige Passant ein Obdachloser, der mich anschnorrt. Bruelle ihn an. Trete gegen die Telefonzelle. Scheisse. Was tun? Habe den ganzen Tag nichts gegessen. Zurueck zur Kreuzung. Safeway. Hole mir Snickers und Zigaretten (gegen Ausweis). Rauche auf den Stufen der Bibliothek. Alles finster. Natuerlich schleppe ich die ganze Zeit ueber meinen tonnenschweren Rucksack mit herum, CDs, Buecher, Aufnahmegeraet, Kassetten usw.

 

Schliesslich gehe ich doch noch einmal um das gesamte Gebaeude herum und entdecke an der Rueckseite eine unauffaellige Tuer, die aufsteht und aus der Licht faellt. Ein winziger Raum, fast eine Abstellkammer. Doch tatsaechlich sitzen hier eine Handvoll aelterer Menschen und lauschen dem Vortrag einer verhaermten schwarzhaarigen Lady im Fransenrock. Sie spricht davon, dass die Palaestinenser keinen Anspruch auf das Land haetten auf dem sie leben, denn die Israelis waren zuerst da. Das stehe in der Bibel. Der Vortrag ist so grauenhaft wie der Text. Es ist fast 9pm. Falle auf einen Stuhl. Todmuede von mehr als 12 Stunden Reise. Ein graubaertiger Typ winkt mir zu. Don hatte mir nichts davon gesagt, dass es sich  um ein Open Mike handelt. Es dauert endlos. Don setzt mich einfach an das Ende der Liste. Viele schrecklich schlechte Texte, schrecklich schlecht vorgetragen, vielleicht mit Ausnahme einer jungen lesbischen Schwarzen.

 

Einige der Zuhoerer sind schon so klapprig, dass sie noch vor meinem Auftritt, schwer atmend den Rueckzug antreten. Hoechstens ein Dutzend Zuhoerer harren aus. Meine eigenen Sachen trage ich wie in Trance vor. Doch ueberraschender Weise, gefaellt es den wenigen Zuhoerern. Sie gehen zwar meist am Stock, doch verfuegen sie im Gegensatz zum Slampublikum ueber eine literarische Bildung. Gertrude Stein und Dada und Fluxus sind ihnen nicht fremd. Das ist zur Abwechslung mal ganz angenehm. Einer stellt sich als Elazar vor. Er haette vor einigen Jahren mit dem Fluxuskuenstler Emmet Williams die Something Else Press herausgegeben. Jetzt finde ich es doch schade, dass ich nicht laenger bleiben kann. Einige interessante Leute mit guten Kontakten hier. Doch morgen hatte mich Becky noch einmal nach San Jose eingeladen, zum Battle of the Bay, dem Equivalent zur Midwest Slam Legue, also ein Wettbewerb mit Teams aus verschiedenen Staedten.

 

Die weniger angenehme Ueberraschung. Don hat nicht daran gedacht, sich um eine Uebernachtung fuer mich zu kuemmern. Gluecklicherweise bietet sich seine Freundin Lyn an, mich unterzubringen, ein etwas verbrauchtes California Sunny Girl, etwa 50jaehrig in Hotpants und Sneakers. Sie besitzt einen nervoesen Terrier, den sie meist auf ihren Haenden durch die Gegend schleppt.

 

Late Dinner mit Don und Lyn. Don ist ein seltsamer Typ. Er redet wenig, und wenn, nur um irgendwelche zynischen, provokativen bis beleidigenden Bemerkungen zu machen. Der Typ ist als Host einer Poetry Show eine totale Fehlbesetzung und auch als Moderator voellig daneben. Sein einziger Spass, jegliche Kommunikation zu stoeren. Meine Texte scheinen ihm gefallen zu haben, vielleicht auch, weil sie ebenfalls mit Kommunikationsstoerung zu tun haben. Er ueberreicht mir gnaedig 2 Dollar fuer die Busfahrt nach L.A. morgen. Was fuer ein Witz.

 

Lyn ist fast ebenso seltsam wie Don, allerdings eher hysterisch ueberdreht mit einem hohen kindlichen Stimmchen. Sie lebt in einem ueber 100 Jahre alten Holzhaus, eingerichtet als Puppenstube mit rosa Spitzendeckchen und gerahmten Hundebildern mitten in the hood, der angeblich uebelsten Nachbarschaft des gesamten Grossraums L.A. Gangster und Zuhaelter durchstreifen das Revier die ganze Nacht mit Boomcars (Ruecksitze fuer gigantische Boxen ausgebaut), die die Regale bei Lyn erzittern lassen. Gegenueber wohnt eine schwarze 20koepfige Grossfamilie in einem 2-Bedroom Appartment. Die Kinder fast die ganze Zeit auf der Strasse. Geschlafen wird in Schichten. Vor dem Haus stolzieren Prostituierte. Zumeist extralarge. Das sei im Moment bei den Schwarzen sehr angesagt. Von Aussen sieht die Gegend gar nicht so schlimm aus. Meist kleine Steinhaeuschen, die fast wie Condos (Eigentumswohnungen) aussehen, tatsaechlich aber Sozialwohnungen sind. Frueher haette hier die schwarze Dienerschaft der weissen Herren gewohnt.

 

Ich habe keine Vorurteile gegenueber Schwarzen, deshalb bin ich hier eingezogen, sagt Lyn. Das Haus war billig und huebsch. Es gab einen guenstigen staatlichen Kredit fuer Geringverdiener. Doch ich war naiv. Hatte keine Ahnung, in was fuer eine Gegend ich geraten war.

Mit den Nachbarn liege ich im Dauerstreit. Staendige Prozesse. Ich wollte den Maschendrahtzaun um den Garten wegen der Prostituierten mit Holzlatten blickdicht machen. Doch das sei illegal, behaupten die Nachbarn. Ausserdem wachse ein Baum von ihrem auf das Nachbargrundstueck.

 

Lyn ist von Haus aus Journalistin, aber schon lange arbeitslos. Ihr Leben dreht sich fast ausschliesslich um den verwoehnten und neurotischen Terrier Ewok, mit dem sie sich in einer exaltierten Babysprache unterhaelt. Ein Geschenk ihrer Mutter kurz bevor sie starb. Eigentlich sollte er Shakespeare heissen. Doch er sah nicht nach Shakespeare aus sondern nach Ewok, sagt sie.

Du bist kein Shakespeare, nicht wahr, sagt sie zum Hund, waehrend sie ihn direkt vor ihr Gesicht haelt und Kuesschen auf die nasse Schnauze gibt. Du bist ein Ewok. Das ist es, was du bist. Es kann nicht jeder Shakespeare sein, nicht wahr (Kuesschen, Kuesschen)

 

Fuer den naechsten  Tag habe ich eine erstaunlich komfortable Busverbindung in nur 6 Stunden direkt von Pasadena nach San Jose entdeckt. Andernfalls haette ich bereits um 7 Uhr morgens wieder in L.A. sein muessen. So kann ich ausschlafen, auch wenn der Koeter die halbe Nacht ueber bellt, um den Eindringling (mich) zu vertreiben. Lyn macht Pfannkuchen zum Fruehstueck und faehrt mich zur Greyhound Station. Tour durch ihr Viertel. Siehst du? Hier diese Gruppen arbeitsloser Mexikaner in ihren Unterhemden? Besser nicht zu langsam fahren. Obwohl, die Mexikaner sind besser als die Schwarzen, familienorientierter, nicht ganz so kriminell.

 

Siehst du, hier? Diese huebsch restaurierten alten Holzvillen. Gehoeren alle einem schwulen Haeusermakler. Die Schwulen haben ein Talent dafuer Viertel zu entdecken, in  heruntergekommenen Haeuserblocks Potential zu entdecken. Lassen sich leicht vom Charme des Altmodischen begeistern. Haben wenig Vorurteile und Hemmungen, mit Minderheiten wie Chicanos, Asiaten oder Schwarzen zusammmenzuleben. Sie finden diese suessen kleinen alten Haeuschen quasi im Dreck und restaurieren sie liebevoll. Erst eins, dann zwei, dann einen ganzen Strassenzug, siehst du hier, ich glaube hier wohnt der Makler selbst, es ist vielleicht ein bisschen overdone, aber immerhin. Wenn Schwule ein Viertel entdecken, ist das ein gutes Zeichen. Das Viertel wird aufgewertet. Die Grundstueckspreise steigen. So veraendern sie die Viertel.

 

Meine geniale Busverbindung entpuppt sich als Flop. Schon in Pasadena hat der Bus eine halbe Stunde Verspaetung. Dadurch verpasse ich den Anschluss in San Fernando. Der naechste Bus zwei Stunden spaeter. Damit kann ich meinen Auftritt in San Jose vergessen. Der Ort  ist ein Glutofen, die Busstation in the niddle of nowhere, keine Chance, zu Fuss irgendwo hin zu gehen. Lasse mich auf den fleckigen Hartschalensitzen der kleinen Busstation nieder, umgeben von mexikanischen Grossfamilien, deren Kinder ueber meine Fuesse fallen. Natuerlich ist auch der Nachfolgebus zu spaet.

Als ich schliesslich kurz vor 11pm, hungrig, durstig und erschoepft im Waves in San Jose einlaufe, ist die Show weitgehend gelaufen. Battle of the Bay, das heisst mehrere Teams von verschiedenen Slamstaedten aus der Bay Area treten gegeneinander an. Diese Wettbewerbe, die in verschiedenen Staedten ausgetragen werden, dienen dazu, zu bestimmen, wer von den Bay Area Teams am National Slam im August in St. Louis teilnimmt. Im Gegensatz zum letzten Mal in San Jose ist es heute brechend voll. Eigentlich hatte ich Becky so verstanden, dass ich heute noch auftreten sollte. Aber dafuer ist es wohl zu spaet.

 

Die Stimmung im Saal ist gigantisch. Das sehr junge Publikum feiert die Teams aus Oakland, San Francisco, Monterrey, Palo Alto und natuerlich San Jose. Beim Rauchen vor der Tuer treffe ich endlich Mike McGee, den eigentlichen Slammaster von San Jose, ein kleiner lustiger Dicker mit Ziegenbart, der letztes oder vorletztes Jahr National Slam Champion war, ich weiss jedoch nicht, ob mit Team oder Solo. Auch  William Jeske von der Organisation Aural Tradition (www.auraltradition.com), eine Art Dachorganisation fuer den Slam und weitere Veranstaltungen, ist heute hier. Ueberraschenderweise ein junger glatter Beamtentyp mit grauer Hose, weissem Hemd, Aktentasche und bravem Haarschnitt. Zum Abschluss gibts eine Runde Vaporisieren bei Becky.

 

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