Dank
Beckys Engagement bin ich bereits um 12 Uhr mittags in Sacramento. Becky hat
mich direkt am Veranstaltungsort, dem Jamaican Restaurant herausgelassen (www.malikspeaks.com ) und sich wieder
auf den Heimweg gemacht. Meinen Gastgeber Khiry habe ich bisher nicht erreichen
koennen. Die Veranstaltung beginnt um 10pm, also habe ich 10 Stunden Zeit
totzuschlagen. Nach urbanem Zentrum sieht es hier nicht aus.
Die Strassen haben keine Namen sondern Nummern oder Buchstaben. Das Jamaican
Restaurant liegt am Broadway, hier eine vielspurige Ausfallstrasse. Weit
auseinandergezogen, hinter den Palmen versteckt, einige Geschaefte, eine
Tankstelle, ein Plattenladen und immerhin ein Kino mit angeschlossenem Cafe und
Cocktailbar. Zu Fuss komme ich nicht weit, zumal es gluehend heiss ist. Jede
Bewegung schweisstreibend.


Lasse mich in dem Open Air Cafe
unter Palmen und Bambus nieder und nippe stundenlang an einem Eistee, schreibe
etwas Tagebuch, lese in Beckys
Anarchoheft, Anklagende Artikel ueber die Verfolgung durch die US Behoerden in
winziger Schrift.
Um 5pm beginnt der erste Film, Control
Room, ein Dokumentarfilm ueber
die Irakberichterstattung des arabischen TV-Kanals Al Jazeera. Ich bin fast der
einzige Zuschauer. Verstoerender Film ueber die Unmoeglichkeit objektiver Berichterstattung. Die Amerikaner werfen Al
Jazeera vor, mit Bildern von toten und verletzten Kindern und weinenden
Muettern zu emotionalisieren und subjektiv Partei zu ergreifen. Al Jazeera will
bewusst Stellung fuer die arabische Seite beziehen, allerdings mit dem Anspruch
moeglichst umfassender Information. Ein Krieg ist immer grausam. Die Bilder von
verstuemmelten Kindern und weinenden Frauen sind eine Realitaet des Krieges.
Bilder, die westliche Medien pauschal ausblenden. Bei uns ist der Krieg sauber,
antiseptisch und abstrakt. Gruene Nachtbilder und Lichter von fernen
Explosionen, vielleicht auch zerstoerte Gebaeude Verletzte und Tote in
Nahaufnahme sind ein Tabu. Sie kommen nur als Zahl vor. Scheinheiliges
Argument, keinen Voyeurismus bedienen zu wollen. Wir haben eine Kultur des
Nicht-Hinsehens entwickelt. Eine Welt voller Werbeplakate und Computerspiele,
voller schlanker, jung-dynamischer, hygienischer Menschen. Nie sieht man, was
Kugeln oder Granaten in einem Koerper wirklich anrichten. Warum diese Angst vor
dem Detail, vor der Genauigkeit des Blicks? Immerhin muss man den Amerikanern
zu Gute halten, dass solche Filme in ihren Kinos laufen. In den meisten
arabischen Laendern waere eine
derart offene Kritik kaum moeglich.
Nach dem Kino noch mal ins Cafe. Dann zurueck im Jamaika Restaurant. Habe noch mehr als zwei Stunden Zeit totzuschlagen. Lese weiter das Anarchoheftchen, das akribisch alle Schandtaten nicht nur der Bushregierung sondern aller Regierungen, aller Polizisten, aller Amtsinhaber auflistet. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Regierungen eben nicht fuer mehr Ordnung und Sicherheit sorgen sondern im Gegenteil fuer den Grossteil an Gewalt und Kriminalitaet auf der Welt verantwortlich sind. Niemand habe soviel Gewalt, Kriege und Chaos in der Welt befoerdert wie insbesondere die US-Regierungen, auch vor Bush. Klingt logisch, aber was ist mit den Terroristen und lokalen Warlords? Was ist mit den Buergerkriegen in zerfallenden Staaten? Mir tun bald die Augen weh, zumal das Licht hier eher schlecht ist. Ein paar mal muss ich den Tisch wechseln, da er anderweitig gebraucht wird.

Khiry
Malik
Um kurz vor 10pm kommt ein Schwarzer
zur Tuer herrein und laeuft zielstrebig auf mich zu. Khiry? frage ich. Nein,
Mann, erkennst du mich nicht? BCN-Cafe...Frankfurt...? Jetzt faellt der
Groschen. Natuerlich. Es ist Ainsley Burrows ein jamaikanisch-staemmiger New
Yorker, der bereits zwei mal bei uns in Frankfurt gastierte und dabei ziemlich
gerockt hat (www.ainsleyburrows.com
) Khiry hatte mich darauf hingewiesen, dass auch Ainsley da sein würde. Jetzt
begruesst mich auch Khiry, ebenfalls ein junger, hochgewachsener
Jamaikaner, mit einer originellen
Flechtfrisur und Kinnbaertchen. Er habe nicht frueher kommen koennen, da er
Ainsley vom Flughafen abholen musste. Ainsley und ich sollen ein Doppelfeature
machen. Das Restaurant ist mittlerweile voll besetzt, fast ausschliesslich
Afro-Amerikaner. Mit ca. 50 Zuschauern eine der groesseren Shows. Khiry
moderiert etwas umstaendlich gemeinsam mit einem Maedel das eine perfekte
praehistorische Muttergottheit abgeben wuerde. Zu Beginn der Show eine Zeremonie
zum Gedenken an die Ahnen. Jeder der Besucher soll den Namen einer verstorbenen
Person sagen, die ihm wichtig war, darauf hin begiesst Khiry eine Gruenpflanze
auf der Buehne und alle rufen im Chor: Ashe.


Was dagegen, wenn ich mal eines
meiner Gedichte mache, fragt Khiry das Publikum? Es ist hier ziemlich ueblich,
dass die Slammaster eigene Gedichte ausserhalb der Wertung lesen. Dann beginnt
die Show mit einer Open Mike Runde.
Wie ueblich viel politisches Statement und Rassenbewusstsein im
Schnellsprechmodus.
Danach sind Ainsley und ich dran.
Ich beginne. Das Publikum reagiert offen und positiv auf meine Texte. Besonders
lustig wieder das Uebersetzungsexperiment, bei dem mir der DJ als Uebersetzer
aushilft. Ainsley, der nach mir startet, wirkt muede und lahm. Er hat
ueberwiegend Liebes- und Sexgedichte im Gepaeck von seiner neuen CD. Dennoch,
die Texte sind um Klassen origineller, als die aller anderen Dichter des
Abends. Sie sind subtil, vielschichtig, surreal, witzig und haben mit
Rapklischees nichts zu tun.
Im Gegensatz zu Becky aus San Jose ist Khiry
nicht so ein begnadeter Host, weder am Mikrophon, noch was seine Gaeste
betrifft. Essen und Getraenke muss ich selbst zahlen und am Ende stellt sich
heraus, dass er vergessen hat, sich um meine Uebernachtung zu kuemmern. Auf dem
Sofa schlaeft Ainsley und er erzaehlt mir unbekuemmert, dass er leider weder
Decken noch Matrazen habe, kuemmert sich aber auch nicht weiter um das Problem.
Mangels Alternative bleibe ich an Khiry kleben. Schaffe es, mir aus Sofakissen
ein Lager zu bauen. Ainsley ueberlaesst mir grosszuegig die einzige Decke.


Am naechsten Morgen, Khiry ist
bereits wieder arbeiten, TV mit Ainsley auf Khirys Grossbildschirm. Def Comedy
Jam. Drei dicke ueberdreht hysterische Damen unterhalten mit ihren maessig
witzigen Bemerkungen ein ganzes Theater. Raetselhaft. Soll ja ein Vorbild fuer
den Def Poetry Jam sein. Nebenbei interviewe ich Ainsley. Wie viele schwarze
Amerikaner, so haelt auch Ainsley die Anschlaege vom 9/11 fuer eine
nachvollziehbare, ja beinahe gerechtfertigte Handlung gegen den
US-Imperialismus und Unterdrueckung der 3.Welt. Gegen Mittag kommt Jambalaya
vorbei, eine intellektuelle hochbeinige jamaikanische Gazellen-Schoenheit, die
Khiry extra fuer Ainsleys Unterhaltung engagiert hat. Ich bin offenbar der
Second Class Gast. Immerhin, auf dem Weg in die Stadt fahren mich die beiden
bei der Greyhoundstation vorbei. Ich bin erstaunt, dass es doch so etwas wie
ein Zentrum in der Stadt gibt mit dem ueblichen Capitol (Sacramento ist
Hauptstadt Kaliforniens), Museen, Shopping Malls, Fussgaengerzone und sogar
eine Strassenbahnlinie.