Ahnenkulte in Sacramento 23.6.

 

Dank Beckys Engagement bin ich bereits um 12 Uhr mittags in Sacramento. Becky hat mich direkt am Veranstaltungsort, dem Jamaican Restaurant herausgelassen (www.malikspeaks.com ) und sich wieder auf den Heimweg gemacht. Meinen Gastgeber Khiry habe ich bisher nicht erreichen koennen. Die Veranstaltung beginnt um 10pm, also habe ich 10 Stunden Zeit totzuschlagen.  Nach urbanem Zentrum sieht es hier nicht aus. Die Strassen haben keine Namen sondern Nummern oder Buchstaben. Das Jamaican Restaurant liegt am Broadway, hier eine vielspurige Ausfallstrasse. Weit auseinandergezogen, hinter den Palmen versteckt, einige Geschaefte, eine Tankstelle, ein Plattenladen und immerhin ein Kino mit angeschlossenem Cafe und Cocktailbar. Zu Fuss komme ich nicht weit, zumal es gluehend heiss ist. Jede Bewegung schweisstreibend.

 

 

Lasse mich in dem Open Air Cafe unter Palmen und Bambus nieder und nippe stundenlang an einem Eistee, schreibe etwas Tagebuch, lese in  Beckys Anarchoheft, Anklagende Artikel ueber die Verfolgung durch die US Behoerden in winziger Schrift.

 

Um 5pm beginnt der erste Film, Control Room, ein Dokumentarfilm ueber die Irakberichterstattung des arabischen TV-Kanals Al Jazeera. Ich bin fast der einzige Zuschauer. Verstoerender Film ueber die Unmoeglichkeit objektiver Berichterstattung. Die Amerikaner werfen Al Jazeera vor, mit Bildern von toten und verletzten Kindern und weinenden Muettern zu emotionalisieren und subjektiv Partei zu ergreifen. Al Jazeera will bewusst Stellung fuer die arabische Seite beziehen, allerdings mit dem Anspruch moeglichst umfassender Information. Ein Krieg ist immer grausam. Die Bilder von verstuemmelten Kindern und weinenden Frauen sind eine Realitaet des Krieges. Bilder, die westliche Medien pauschal ausblenden. Bei uns ist der Krieg sauber, antiseptisch und abstrakt. Gruene Nachtbilder und Lichter von fernen Explosionen, vielleicht auch zerstoerte Gebaeude ­ Verletzte und Tote in Nahaufnahme sind ein Tabu. Sie kommen nur als Zahl vor. Scheinheiliges Argument, keinen Voyeurismus bedienen zu wollen. Wir haben eine Kultur des Nicht-Hinsehens entwickelt. Eine Welt voller Werbeplakate und Computerspiele, voller schlanker, jung-dynamischer, hygienischer Menschen. Nie sieht man, was Kugeln oder Granaten in einem Koerper wirklich anrichten. Warum diese Angst vor dem Detail, vor der Genauigkeit des Blicks? Immerhin muss man den Amerikanern zu Gute halten, dass solche Filme in ihren Kinos laufen. In den meisten arabischen Laendern  waere eine derart offene Kritik kaum moeglich.

 

Nach dem Kino noch mal ins Cafe. Dann zurueck im Jamaika Restaurant. Habe noch mehr als zwei Stunden Zeit totzuschlagen. Lese weiter das Anarchoheftchen, das akribisch alle Schandtaten nicht nur der Bushregierung sondern aller Regierungen, aller Polizisten, aller Amtsinhaber auflistet. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Regierungen eben nicht fuer mehr Ordnung und Sicherheit sorgen sondern im Gegenteil fuer den Grossteil an Gewalt und Kriminalitaet auf der Welt verantwortlich sind. Niemand habe soviel Gewalt, Kriege und Chaos in der Welt befoerdert wie insbesondere die US-Regierungen, auch vor Bush. Klingt logisch, aber was ist mit den Terroristen und lokalen Warlords? Was ist mit den Buergerkriegen in zerfallenden Staaten? Mir tun bald die Augen weh, zumal das Licht hier eher schlecht ist. Ein paar mal muss ich den Tisch wechseln, da er anderweitig gebraucht wird.

 

Khiry Malik

 

Um kurz vor 10pm kommt ein Schwarzer zur Tuer herrein und laeuft zielstrebig auf mich zu. Khiry? frage ich. Nein, Mann, erkennst du mich nicht? BCN-Cafe...Frankfurt...? Jetzt faellt der Groschen. Natuerlich. Es ist Ainsley Burrows ein jamaikanisch-staemmiger New Yorker, der bereits zwei mal bei uns in Frankfurt gastierte und dabei ziemlich gerockt hat (www.ainsleyburrows.com ) Khiry hatte mich darauf hingewiesen, dass auch Ainsley da sein würde. Jetzt begruesst mich auch Khiry, ebenfalls ein junger, hochgewachsener Jamaikaner,  mit einer originellen Flechtfrisur und Kinnbaertchen. Er habe nicht frueher kommen koennen, da er Ainsley vom Flughafen abholen musste. Ainsley und ich sollen ein Doppelfeature machen. Das Restaurant ist mittlerweile voll besetzt, fast ausschliesslich Afro-Amerikaner. Mit ca. 50 Zuschauern eine der groesseren Shows. Khiry moderiert etwas umstaendlich gemeinsam mit einem Maedel das eine perfekte praehistorische Muttergottheit abgeben wuerde. Zu Beginn der Show eine Zeremonie zum Gedenken an die Ahnen. Jeder der Besucher soll den Namen einer verstorbenen Person sagen, die ihm wichtig war, darauf hin begiesst Khiry eine Gruenpflanze auf der Buehne und alle rufen im Chor: Ashe.

 

 

 

 

Was dagegen, wenn ich mal eines meiner Gedichte mache, fragt Khiry das Publikum? Es ist hier ziemlich ueblich, dass die Slammaster eigene Gedichte ausserhalb der Wertung lesen. Dann beginnt die Show mit einer Open Mike Runde.  Wie ueblich viel politisches Statement und Rassenbewusstsein im Schnellsprechmodus.

Danach sind Ainsley und ich dran. Ich beginne. Das Publikum reagiert offen und positiv auf meine Texte. Besonders lustig wieder das Uebersetzungsexperiment, bei dem mir der DJ als Uebersetzer aushilft. Ainsley, der nach mir startet, wirkt muede und lahm. Er hat ueberwiegend Liebes- und Sexgedichte im Gepaeck von seiner neuen CD. Dennoch, die Texte sind um Klassen origineller, als die aller anderen Dichter des Abends. Sie sind subtil, vielschichtig, surreal, witzig und haben mit Rapklischees nichts zu tun.

Im Gegensatz zu Becky aus San Jose ist Khiry nicht so ein begnadeter Host, weder am Mikrophon, noch was seine Gaeste betrifft. Essen und Getraenke muss ich selbst zahlen und am Ende stellt sich heraus, dass er vergessen hat, sich um meine Uebernachtung zu kuemmern. Auf dem Sofa schlaeft Ainsley und er erzaehlt mir unbekuemmert, dass er leider weder Decken noch Matrazen habe, kuemmert sich aber auch nicht weiter um das Problem. Mangels Alternative bleibe ich an Khiry kleben. Schaffe es, mir aus Sofakissen ein Lager zu bauen. Ainsley ueberlaesst mir grosszuegig die einzige Decke.

 

 

Am naechsten Morgen, Khiry ist bereits wieder arbeiten, TV mit Ainsley auf Khirys Grossbildschirm. Def Comedy Jam. Drei dicke ueberdreht hysterische Damen unterhalten mit ihren maessig witzigen Bemerkungen ein ganzes Theater. Raetselhaft. Soll ja ein Vorbild fuer den Def Poetry Jam sein. Nebenbei interviewe ich Ainsley. Wie viele schwarze Amerikaner, so haelt auch Ainsley die Anschlaege vom 9/11 fuer eine nachvollziehbare, ja beinahe gerechtfertigte Handlung gegen den US-Imperialismus und Unterdrueckung der 3.Welt. Gegen Mittag kommt Jambalaya vorbei, eine intellektuelle hochbeinige jamaikanische Gazellen-Schoenheit, die Khiry extra fuer Ainsleys Unterhaltung engagiert hat. Ich bin offenbar der Second Class Gast. Immerhin, auf dem Weg in die Stadt fahren mich die beiden bei der Greyhoundstation vorbei. Ich bin erstaunt, dass es doch so etwas wie ein Zentrum in der Stadt gibt mit dem ueblichen Capitol (Sacramento ist Hauptstadt Kaliforniens), Museen, Shopping Malls, Fussgaengerzone und sogar eine Strassenbahnlinie.

 

 

zurueck/back