Vaporisieren in San Jose,  22.6.

 

 

Drei Tage und Naechte auf dem Greyhound-Bus oder vier Stunden fliegen? Die Entscheidung die 2000 Kilometer von Chicago nach San Francisco fliegend zu ueberbruecken, faellt leicht. Allerdings bekomme ich beim Security-Check mein Taschenmesser abgenommen und wegen eines defekten Bordcomputers steht die Maschine zwei Stunden auf der Rollbahn.

 

Endlich in Californien. Als ich aus dem Flughafen trete, Blick auf die braunen Berge im Hintergrund. Palmen an den Strassenraendern. Wolkenloser blauer Himmel. Ich kann es kaum erwarten, nach San Francisco zu kommen. Doch heute abend steht zunaechst ein Auftritt in San Jose, ein paar Kilometer suedlich von San Francisco, im beruemten Silicon Valley, auf dem Programm. Zum Glueck ist das Nahverkehrsnetz der Bay Area gut ausgebaut. Das BART U-Bahn-Netz deckt den Grossraum SF ab, inklusive Oakland und Berkeley, das CAL-Train Netz bedient die groessere Bay-Area. Mit dem CAL Train brauche ich eine knappe Stunde vom Flughafen nach San Jose. Becky DeKeuster holt mich hab. Mike McGee, der Slammaster, der mich eingeladen  hatte, ist gerade auf Tour in Vancouver.

 

Becky sieht auf den ersten Blick wie eine lesbische Domina aus. Kurze, rotgefaerbte Haare, schwarze Lederklamotten, tiefe, befehlsgewohnte Stimme. Sie erzaehlt jedoch, dass sie die einzige Hetero Frau in einer Schwulen WG sei. Arbeitet als Lehrerin an der oertlichen High-School, ist aber ziemlich unzufrieden mit ihrem Job. In der Slamszene ist sie erst seit Anfang des Jahres.

 

Der San Jose Slam (www.sanjoseslam.com)  ist im Waves beheimatet, einem klassischen Saloon. Hoher quadratischer Raum, Holzdielen, Holztische, eine lange dunkle Bar an der einen Seite, eine Holztreppe, die ins Nirgendwo fuehrt auf der anderen Seite und eine hohe Buehne mit Vorhang. Becky stellt mich ihren Helferinnen vor, lauter sehr junge und sehr kleine Latinomaedels, offenbar ihre Schuelerinnen oder Ex-Schuellerinnen. Der Barmann kennt seine Pappenheimer. Seht zu, dass hier niemand Underage reinkommt, sagt er streng zu den Maedels. Die Altersgrenze liegt, glaube ich, bei 18. Trotzdem, sehr junges Publikum hier, richtig voll wird es jedoch nicht. Inklusive der Dichter sind maximal dreissig Personen im Raum, der sicher hundert Zuschauer fasst. Aber das ist ja fast der Standard, den ich bisher erlebt habe. Es gibt einfach zu viele Slams und es gibt sie zu oft (meist woechentlich). Die Dichter sind weitgehend unter sich. Dasha Kelley aus Milwaukee war der Ansicht, das steigere die Qualitaet, weil die Kollegen immer kritischer als das Allgemeinpublikum seien. Dafuer sind die wenigen Zuschauer sehr engagiert  und enthusiastisch.

 

Auch der San Jose Slam funktioniert nach den Regeln des National Slams. Es gibt zwei Runden. Dazwischen ich als Feature. Sandwich Prinzip, aber fuer mich optimal. Ich komme bereits in eine bereits positiv angeheizte Stimmung und kann, wenn alles gut laeuft noch einen drauf setzen. Auch hier funktioniert mein Set bestens. Besondere Begeisterung, als ich nach Freiwilligen  fuer mein Uebersetzungsexperiment suche. Ein Typ und ein junges Maedel trauen sich auf die Buehne und probieren sich am Klang meines Nicht denken Gedichtes. 

 

Die anderen Slammer lesen meist vom Blatt. Einige recht skurrile Typen. Bill Peckham ist ueber 70  und mit seinem verwitterten Gesicht, den abstehenden Ohren, der grossen eckigen Brille, der Baseballmuetze, kariertem Hemd, unfoermiger braeunliche Stoffhose ueber weissen Turnschuhen sieht er aus wie ein alter Farmer. Tatsaechlich gibt er sich als Alt-Hippie zu erkennen, der auch schon in Woodstock dabei war und natuerlich in Vietnam und seitdem auch Friedensaktivist. Mit bruechiger Stimme traegt er einige gereimte Gedichte vor. Die anderen sehen in als Maskottchen und nennen ihn ein wenig neckisch den poet laureate des San Jose Slam.

 

Der Slammer Word Of Mouse ist ein schwergewichtiger Mexikaner mit dunkler Sonnenbrille, dem ich sicher den absoluten Schnellsprechrekord zuerkennen muss. Dazu springt er aufgeregt und erstaunlich behend fuer seine Masse ueber die Buehne. Ich verstehe kein Wort. Als ich die Leute an meinem Tisch frage, was er gesagt habe, geben sie zu, dass sie ebensowenig verstanden haben, wie ich. Ein langhaariger, kraeftiger  indianisch-mexikanischer Mischling mit wichtigen Messages zum Thema Rassimus und weitere Dichter mit politischen und gesellschaftskritischen Messages treten auf. Der schwarze Rapper Paradox eher mit Selbstironie.

In den Pausen stehen alle vor dem Saloon, da in Californien generelles Rauchverbot in geschlossenen Raeumen herrscht. Trotzdem scheinen nahezu alle hier zu rauchen - eben draussen - in Californien ist das ja witterungsmaessig zu ertragen. Gespraeche mit den Latinomaedels, die oh Wunder, von meiner Performance begeistert waren, mir allerdings gerade bis kurz ueber den Bauchnabel reichen. Insgesamt gute Stimmung und Becky Super Gastgeberin. Kauft mir Zigaretten & Whiskey.

 

Nach der Show mexikanischer Imbiss. Riesige Burritos mit hausgemachter Orangensauce. Es erfordert ziemliches Geschick diese weiche Fladenbrotrolle, gefuellt mit Fleisch, Kaese, Bohnen und Mais so zu essen, dass sie in meinen Haenden nicht voellig auseinanderfaellt.

 

Hast du Lust noch ein bisschen zu vaporisieren? fragt mich Becky, als wir wieder bei ihr zu Hause sind. Klingt gut. Becky zieht mich auf den Boden vor ihrem Bett.  Dann greift sie ein handliches Heissluftgeraet, setzt darauf  einen Pfeifenkopf, broeselt Haschisch mit etwas Kif-Paste versetzt rein. Vaporisieren ist die gesuendeste Art zu kiffen, erklaert Becky. Die Fuellung des Pfeifenkopfes wird nur sanft erhitzt, so dass nichts verbrennt, aber die aetherischen Daempfe freigesetzt werden. Becky holt noch eine durchsichtige Plastiktuete hervor. Damit fangen wir die aetherischen Daempfe auf, uebrigens made in Germany, verkuendet Becky. Der Beutel wird mit einem Mundstueck verschlossen. Daraus saugt man den Dampf. Ich komme mir vor wie beim Klebstoffschnueffeln. Die Prozedur wiederholen wir ein paar mal. Es betaeubt nicht, sondern macht den Geist klar und wach. Ich kann damit ziemlich gut und konzentriert arbeiten, behauptet Becky. Ich merke jedoch sofort, wie es reinhaut und mich nach unten zieht. Mit Muehe krieche ich schliesslich zu meiner Matratze im Common Room. Der Mund voellig ausgetrocknet. Mein Kopf ein grosser hallender Hohlraum, mein Koerper schwer wie Granit. Als ich liege, habe ich das Gefuehl durch mein Gewicht in der Erde zu versinken.

 

Becky und Mitbewohner

 

Nach gruendlichem Schlaf bin ich wieder fit. Zum Fruestueck gibt es Kaffee, Eier und Melonen. Ich erzaehle Becky, dass ich heute abend einen Auftritt in Sacramento habe. Komplizierte Fahrerei. Ich muesste erst zurueck nach San Francisco und dann noch von dort aus noch mal fast 2 Stunden ins Landesinnere.

Ich koennte dich hinfahren, bietet Becky spontan an. Von hier gibt es eine direkte Highway Verbindung. Zwei Stunden. Zu sehen gibt es wenig.

 

Unterhaltung ueber Politik. Becky ist eine Art Anarcho-Gruene und klagt dass Kerry ein Klon von Bush sei, sich kaum unterscheide. Ich habe keinerlei Lust, waehlen zu gehen, gesteht sie. Wozu? Das macht doch gar keinen Unterschied. Bei Euch in Deutschland kann man wenigstens eine Alternative waehlen. Selbst kleine Parteien haben eine Chance. Das fehlt hier einfach. Die Gruenen hier haben bestimmt ein Waehlerpotential von 10-20 Prozent, schaetzt Becky. Aber bei unserem Wahlsystem haben sie keine Chance. Ausserdem ist es fuer normale Menschen ziemlich schwierig herauszufinden, was wirklich abgeht. Die Massenmedien, vor allem die grossen TV-Stationen sind alle in der Hand der Regierung. Es ist alles manipuliert. Wenn du einigermassen objektive Information haben willst, musst du BBC sehen oder versuchen, ueber das Internet an Informationen zu kommen. Wenn du dich fuer die Wahrheit interessierst, lies das. Becky drueckt mir ein handkopiertes schwarz-weisses Din A 5 Heft in die Hand. The match. Das kommt aus der Anarchoszene. Hier gibt es noch ziemlich viele Anarchisten. Aber viele sind auch Idioten, denken, dass Anarchie mit Gewalt und Bombenbasteln zu tun hat. Die Herausgeber vom Match sind eher die pazifistische Fraktion, aber lies selbst.

 

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