KNALLFABET Erstsendung: 4.8.99

GERTRUDE STEIN - ZEITTAFEL

3.2.1874 in Allegheny, Penslyvania geboren, als fünftes und jüngstes Kind einer gutbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie

1875-79 in den ersten Lebensjahren zieht die Familie nach Wien, Paris und schließlich nach Baltimore und Oakland, Kalifornien

1880-92 Jugend in Kalifornien, enges Verhältnis zum 2 Jahre älteren Bruder Leo

1893-97 Studium der Philosophie, Psychologie und Medizin in Harvard und Baltimore wo sie mit ihrem Bruder Leo zusammenwohnt

1900 Leo zieht nach Europa, um Kunst zu studieren und zu sammelnGertrude Stein hat eine Affäre mit einer Kommilitonin, die sie in ihrem erstenRoman "Q.E.D." verarbeitet (lange vergessenen u. erst posthum veröffentlicht)

1903 Abbruch des Studiums, Gertrude Stein zieht zu ihrem Bruder Leo nach Paris

1903-1913 Gemeinsam sammeln Gertrude und Leo Kunst, v.a. Cezanne, Renoir, Matisse, Gauguin, Picasso, die Wohnung in der Rue de Fleurus wird zum Sam melpunkt junger Maler, Schriftsteller, Intellektueller

1905 lernt sie Picasso kennen, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verbindet

1907 lernt sie Alice B. Toklas kennen, die 1909 in der Rue de Fleurus einzieht. Alice B. Toklas ist Geliebte, Sekretärin, Lektorin, Köchin, Gastgeberin

1909 Erscheinen des ersten Buches, "Three Lives", (im Selbstverlag)

1913 Bruch mit Leo (Differenzen ästhetischer und persönlicher Art) und dessen Auszug. Die Bildersammlung wird geteilt. Alice B. Toklas übernimmt die Oberherrschaft über den Haushalt. Einführung des Samstag Abend Salons. Insbesondere nach der legendären "Armory Show", die erstmal moderne europäische Künstler in den USA zeigt (Picasso, Matisse, Brancusi, Legér, Duchamp, Kandinski) kommen zahlreiche Künstler und Kunstsammler zum Salon der Steins.

1914 Erscheinen von "Tender Buttons", den bis dahin experimentellsten Texten, indem sie versucht, den Kubismus auf die Sprache zu übertragen. Kriegsausbruch. Während des Krieges Einsatz für den "American Fund for the french wounded" mit dem ersten Ford Automobil (Gertrude Stein wird begei- terte Autofahrerin und wirbt für Ford Autos)

1919-37 nach dem Krieg wird die Tradition des Samstag-Abend Salons wieder aufge nommen, über Picabia und Tristan Tzara kam die Kunde vom Dadaismus nach Paris, Ezra Pound, T.S. Eliot, Man Ray, Dunja Barnes, Mina Loy, Jean Cocteau, E.E. cummings, Rene Crevel, Edith Sitwell Die Sommer verbringen sie ab 1929 in einem Landhaus in Südfrankreich

ab 1922 enge Freundschaft mit Hemingway

1925 erscheint G. Steins größtes Werk, der 1000 Seiten Roman "The Making of Americans",

1926 Sie hält Vorlesungen in England, die ihren Ruhm mehren.Virgil Thompson vertont einige Texte von G. Stein

1931 gründet Alice B. Toklas extra einen Verlag (Plain Editions) um das Werk von Gertrude Stein herauszugeben

1933 Die "Autobiography of Alice B. Toklas" erscheint, von Gertrude Stein geschrieben, und ist v.a. eine Autobiographie von Gertrude Stein aus der Perspektive von Alice Toklas, über die man sehr wenig erfährt. Das Buch, das einfach und amüsant insbesondere die zahlreichen Besucher des Salons beschreibt wurde das berühmteste, kommerziell erfolgreichste Werk von Stein.

1934/35 Vortragsreise durch die USA, sie wird als Berühmtheit u.a. von der Frau des Präsidenten Roosevelt empfangen, ihre von Virgil Thompson vertonte Oper "Four Saints in 3 Acts" wird am Broadway aufgeführt

1937 Umzug aus der Rue de Fleurus, Erscheinen von "Everybodies Autobiography", die Fortsetzung der "Autobiography of Alice B. Toklas"

1940-45 Paris wird von Deutschen Truppen besetzt. Stein und Toklas überstehen den Krieg auf dem Lande in Südfrankreich, z.T. dank guter Beziehungen zu Vertretern des Vichy-Regimes, sogar von Göring soll es eine Zusage gegeben haben, daß ihnen nichts passieren werde. Als amerikanische Truppen Frankreich 1944 befreien, gibt sie sich jedoch als Patriotin, lobt die Untergrundkämpfer und die amerikanische Armee und wird 1945 eingeladen, die amerikanischen Stützpunkte in Deutschland, Österreich, Belgien zu besuchen

1946 im November 45 wird Magenkrebs diagnostiziert, im July 46 stirbt sie in Paris wo sie auf dem Friedhof Pere Lachaise beerdigt wird, wobei Geburtsort und Geburtsdatum falsch geschrieben wurden.

 

Gertrude Stein war erstaunlich. Pfunde und abermals Pfunde auf ihr Skelett gepackt - nicht die wogende Sorte, sondern massives, schweres Fett, und ihr Körper schien die mächtige Maschine zu sein, die ihre mächtige Natur als Trägerin brauchte. Gertrude war kernig. Sie brüllte gewöhnlich vor Lachen. Sie hatte das Lachen eines Beefsteaks. Sie liebte Steaks und ich mochte es, sie vor fünf Pfund zentimeterdickem. gebratenem Fleisch sitzen und, mit starken Handgelenken Messer und Gabel schwingend, es mit Gusto verspeisen zu sehen
(Mabel Dodgen Luhan - "European Experiences")

Sowohl er wie Gertrude gebrauchen ihren Intellekt, den sie nicht haben, um etwas zu tun, was den feinsten kritischen Takt erfordern würde, den sie genausowenig haben, und sie produzieren meiner Meinung nach den gottverdammtesten Blödsinn, den es je gab.
(Leo Stein an Mabel Weeks 1913)

Man bat mich zu erklären wieso eine Autorin wie ich populär werden kann. Das ist sehr einfach jeder sagt und schreibt dauernd das wovon jeder fühlt, daß es verstanden wird und daher wird es einem langweilig jeder kann sich bei allem langweilen und obwohl man es nicht weiß, langweilt einen das Gefühl zu verstehen und daher macht es einem Spaß etwas zu haben, das man nicht versteht.
(Gertrude Stein - "Everybodies Autobiography")

Es braucht viel Zeit ein Genie zu sein, man muß so viel herumsitzen und nichts tun, wirklich nichts tun.
(Gertrude Stein - "Everybodies Autobiography")

Sprechstimmen haben immer ein verschiedenes Tempo wenn man ihnen zuhört und das stört mich, gesehene Dinge vielleicht auch, aber man muß sie ja nicht ansehen. Gesagte Dinge müssen jedoch gehört werden, und sie gehen immer im falschen Tempo weiter. Ich nehme an, daß das wirklich die Schwierigkeit mit der Politik und dem Schulunterricht ist(...) ein Geräusch ist immer ein Wirrwarr und wenn man verwirrt ist nun wenn man etwas anschaut ist man wirklich nicht verwirrt aber wenn man etwas hört dann ist man wirklich verwirrt.
(Gertrude Stein - "Everybodies Autobiography")

Es war ein mal, daß ich mir selbst begegnete und weglief (Gertrude Stein)

 

Literaturtipps

 

Gertrude Stein: "Tender Buttons/ Zarte Knöpfe" 1914, deutsch, Suhrkamp 1979

Gertrude Stein: "Autobiographie von Alice B. Toklas", Arche

Gertude Stein: "Everybodies Autobiographie", 1937, deutsch Suhrkamp, 1986

"Gertrude Stein - Ein Leben in Bildern und Texten", hg. von Renate Stendhal, Arche, 1989

Stefania Sabin: "Gertrude Stein", rororo Monographie 1996

CD: Kontrasax plays Gertrude Stein, 1998, Label: Jazzhaus Musik

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