KRANKHEIT ALS METAPHER I & II, Erstsendungen 7.6.2000, 21.6.2000

krank: mhd kranc = schwach, schmal, schlank, schlecht, gering, nichtig, leidend, nicht, gesund

löste ab dem Spätmittelalter den altgerm. Begriff "siech" ab, kränken = jemanden beleidigen

gesund westgerm. 1) voll Leistungsfähig, krankheitsfrei (Körper), 2) förderlich, die Gesundheit verbessernd (Nahrungsmittel, Lebensweise), 3) natürlich, richtig, gesunde Ansichten (Sprachbrockhaus)

 

"Freiheit heilt" (Slogan der Antipsychiatrie)

Adolf Muschg spricht vom "Kunstwerk Krankheit", denn "an dieser Krankheit ist etwas Gesundes, das wir uns nicht nehmen lassen. Sie ist nicht nur Lüge sondern auch Sprache, ja Geständnis.

"Kunst und Revolte , die interessieren mich null. Und wenn du willst, dann kannst du mal mitkommen in die Klinik. Dann zeig ich dir die Irren. Dann kannst du mal sehen. Die Irren sind nämlich irr. Und irr ist null Kunst, null Revolte. Arme Teufel sind die Irren." Reinald Goetz "Irre" 1983

"Heißt denn verrückt krank? Wahnsinn muß nicht Zusammenbruch sein. Wahnsinn kann der Durchbruch zu sich sein" (Hainar Kipphart in "März" Roman über einen Schizophrenen)

Der Traum ist ein kurzer Wahnsinn, der Wahnsinn ein langer Traum (Schopenhauer):

"Die meiste zählende (oder die jedenfalls immer wieder aufgeführte) Literatur in diesem Jahrhundert ist die von enthusiastischen Kranken. Ich aber weiß, daß ich, wäre ich einmal endgültig krank, nicht enthusiastisch sein würde (und selbstverständlich auch nichts schreiben würde) Peter Handke

"Zeigen will ich, daß Krankheit keine Metapher ist und daß die ehrlichste Art und Weise sich mit ihr auseinander zu setzen - und die gesündeste Weise krank zu sein - darin besteht, sich soweit wie möglich von metaphorischem Denken zu lösen" (Susan Sontag 1977)

Krankheit: 1. Störung der Lebensvorgänge in Organen od. im gesamten Organismus mit der Folge von subjektiv empfundenen bzw. objektiv feststellbaren körperl. , geistigen od. seelischen Veränderungen. 2 In der Rechtssprechung des Bundessozialgerichtes der Zustand von Regelwidrigkeit im Ablauf der Lebensvorgänge (Pschyrembel, medizinisches Wörterbuch)

Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit (Weltgesundheitsorganisation WHO):

 

TEIL I

In dieser und der nächsten Sendung wollen wir versuchen das komplexe Thema "Krankheit und Literatur" ein wenig anzukratzen. Wer schreibt weshalb warum und über welche Krankheiten und mit welchem Krankheitsbegriff? Welche ästhetischen und moralischen Implikationen, welche Metaphern gibt es? Dazu haben wir relativ willkürlich eine Reihe von literarischen Zitaten herausgesucht, quer durch die Geschichte. Wir sprechen mit Autoren und Autorinnen über Krankheit und den Zusammenhang mit ihrem Schreiben. In dieser Sendung mit der Autorin Heike Reich und dem Sozialforscher Norbert Elb, in der folgenden Sendung mit dem Autor Berthold Dirnfellner. An den Anfang jeder Sendung haben wir Gespräche aus einem Frankfurter Altenheim gestellt.

Vorab Dank an alle, die uns bei der Gestaltung dieser Sendung geholfen haben.

Inspiriert wurde die Sendung nicht zuletzt durch den Marburger Literaturwissenschaftler Thomas Anz und sein Werk "Gesund und Krank. Moral, Medizin und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur" 1989, sowie durch den titelgebenden Essay "Krankheit als Metapher", 1977, der amerikanischen Autorin Susan Sontag.

Der Begriff der Krankheit läßt sich ohne den Begriff der Gesundheit nicht denken. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich, daß beide Begriffe wenig mit der Beschreibung eines objektiven Zustands zu tun haben. Zu unterschiedlich sind die gesellschaftlichen und individuellen Vorstellungen von dem was krank und was gesund ist. Dem einen erscheinen die "Gesunden" als die wahrhaft Kranken und umgekehrt. In einer irrsinnigen Welt, wer ist da "verrückt".

Die Begriffe Krankheit und Gesundheit sind offenbar Bestandteil von Definitionen mit denen eine Gesellschaft aber auch der Einzelne etwas als normal oder nicht normal bezeichnet. Die beiden Begriffe gehören damit in ein normatives Wertesystem und bilden ein Wertepaar analog zu: positiv/negativ, normal/unnormal, gut/böse, schön/ häßlich, wahr/falsch, natürlich/unnatürlich.

Die Benennung von etwas als gesund oder krank ist zugleich ein moralisches/ethisches Werturteil.

Das Gesunde ist auch positiv, normal, gut, wahr, schön, natürlich.

Das Kranke ist auch negativ, unnormal, böse, falsch, häßlich, unnatürlich

Dennoch wurde und wird nicht zuletzt von Künstlern und Schriftstellern und anderen Sinnsuchern versucht, das Positive, Schöne, Wahre im Kranken zu entdecken.

Für die meisten frühen Völker und Kulturen war Krankheit etwas magisches, unerklärliches. Ursachen wurden daher in sozialem/ moralischen Fehlverhalten gesehen, eine Strafe der Götter oder aber Hexerei eines Feindes oder einer negativen Macht (des Teufels)

Auch die frühen Christen interpretierten Krankheiten als Strafe Gottes für moralisches Fehlverhalten. Krankheit galt als Schicksal, dem man sich fügen mußte, aber auch als Zeichen. Heilung war nur durch den Glauben möglich (Jesus, der Heiland, heilt durch Handauflegen, vielen Heiligen werden Wunderheilungen nachgesagt) Heil = mhd Glück, Zufall. Ärzten vertraute man kaum.

Das Mittelalter wird beherrscht von schrecklichen Seuchen wie der Pest. In Giovanni Boccacios Dekameron von 1492, einer Sammlung ironischer, frivoler und abenteuerlicher Geschichten, findet sich in der Vorrede eine sehr realistische Beschreibung der Pest und ihrer Folgen. Die Pest wird hier nicht nur als Folge unmoralischen Verhaltens gesehen, sondern umgekehrt als Ursache für sozialen und moralischen Verfall.

Zitat: Boccacio

Eine grundsätzliche Änderung des Krankheitsbegriffs tritt erst Ende des 18. Jh ein.

In der Aufklärung mit ihrer Begeisterung für das Naturwissenschaftliche und Rationale ist nicht mehr Gott, sondern die Natur für Krankheiten verantwortlich. Das moralische Element bleibt jedoch erhalten. Bestraft wird jetzt "unnatürliches" Verhalten durch Krankheit. Gemeint sind hier vor allem Verstöße gegen die Sexualnorm. Alles Triebhafte steht der Aufklärung in Krankheitsverdacht.. Schuld an einer Krankheit ist das Individuum, das gegen die Gesetze der Natur verstoßen hat.

Kant: Alle Abweichungen von der Norm sind krankhaft

In der Literatur eignet sich v.a. die Klassik m. Goethe und Schiller die Ideale der Aufklärung an. Ihre Asthetik der Harmonie, Ausgewogenheit der Regeln versteht sie ausdrücklich als "gesunde" Ästhetik. Der späte Goethe soll im Gespräch mit Eckermann einmal gesagt haben: "Die Poeten schreiben alle als wären sie krank...ich will ihre Poesie Lazarettpoesie nennen".

Die Romantik begeistert sich hingegen gerade für das Irrationale, das Emotionale, das Abweichende, Andersartige, Dunkle und auch das Kranke. Novalis forderte: " Erzählungen ohne Zusammenhang, jedoch mit Assoziationen wie Träume. Gedichte sie müssen wie lauter Bruchstücke aus den verschiedenartigsten Dingen sein. Nicht zuletzt die Romantik hat zu der Vorstellung einer engen Verbindung von Genie und Wahnsinn beigetragen.

Krankheit ist also in erster Linie ein Begriff, um einen Zustand der Normabweichung zu bezeichnen. Dieser Zustand ist in der Regel negativ definiert, aber gerade unter Künstlern und Schriftstellern hat es auch immer wieder eine positive Identifikation mit der Normabweichung, dem Anderssein und eben auch dem Kranken gegeben.

Zitat: Artaud – Liquidierung des Opiums

Eine andere, relativ moderne Einstellung, sieht Thomas Anz in Georg Büchners "Lenz" formuliert. Nämlich die Vorstellung, daß nicht (nur) die Normabweichung krank macht, sondern umgekehrt, die gesellschaftlichen Normen selbst Krankheitsauslöser sein können. Der Dichter Lenz leidet unter den Anforderungen seiner Umwelt und zieht sich in ein abgelegenes Tal zurück, wo er im Hause des Pfarrers Oberlin zunächst so akzeptiert wird, wie er ist. Doch die Macht der gesellschaftlichen Ansprüche bricht erneut über ihn herein, als ihn ein Bote des Vaters findet und dieser eine Rückkehr verlangt. Auch Oberlin stellt sich nun auf die Seite der Autorität und ist der Ansicht, daß man dem Vater nicht widersprechen dürfe. Der empfindsame Lenz dreht durch und stürzt sich in einen Brunnen.

Bestärkung findet die Sicht von den gesellschaftlichen Ursachen von Krankheit in den Theorien von Freud, der die Ursache der meisten psychischen Erkrankungen in der (gesellschaftlichen) Unterdrückung des Sexualtriebes sah, also gerade in der von der Aufklärung propagierten Herrschaft des Verstandes über die Triebe. Während Freund selbst mit den gesellschaftlichen Folgerungen seiner Theorien vorsichtig war, diagnostizierte der Freudschüler und Inspirator der Berliner Dadaisten Otto Groß, in der Zeit um und kurz nach dem ersten Weltkrieg, daß die Gesellschaft als ganzes krank sei und in einer kranken Gesellschaft, die von dieser als krank bezeichneten Individuen die eigentlich Gesunden seien. Als Therapie helfe folglich nur die Revolution.

Als krank wurden andersherum von der Gesellschaft fast immer die Künstler der frühen Moderne bezeichnet, die Symbolisten, die Kubisten, die Impressionisten, die Expressionisten, die Futuristen und insbesondere die Dadaisten, die nicht nur vom offiziellen Kulturbetrieb als krank denunziert wurden, sondern sogar von ihren eigenen kommunistischen Revolutionsgenossen, die den nicht unbegründeten Verdacht hatten, daß dermaßen grundsätzliche Normverächter auch in der schönen neuen kommunistischen Gesellschaft ein subversives Element darstellen könnten. Ein Argument mit dem auch der Großteil der durchaus revolutionär gesinnten russischen Avantgarde niedergemacht wurde. Diese wilde neue Kunst wurde noch in den 50er Jahren von so einen bedeutenden Philosophen und Kunsttheoretiker wie George Lukacs als Ausdruck einer dekadenten zerfallenen kranken bürgerlichen Gesellschaft abgelehnt mit Auswirkungen auf das Kunstverständnis der Linken in den 60er/70ern bis heute.

Zitat: Arp

Eine der Grundlagen der Pathologisierung der modernen Kunst und Literatur ist die bereits 1892 herausgegebene Schrift "Entartung" des jüdischen Arztes und Schriftstellers Max Nordau, eine Schrift, die sich gegen die "Dekadenz" der Jahrhundertwende-Kunst richtet. Obwohl Nordau nicht nur Jude und bekennender Zionist, sondern auch überzeugter Antimilitarist war und sich der Aufklärung verpflichtet fühlte, so wurde er doch der geistige Ahnherr der nationalsozialistischen Kunstideologie.

Deutlich wird bei Nordau das problematische Krankheitsverhältnis der Aufklärung, die alles Triebhafte und Irrationale als unnatürlich (bei Nordau = entartet = krank = minderwertig) ablehnt.

Krank sind (nach Nordau): die Suche nach Dissonanzen (statt Harmonien) und nach synästhisierenden Reizen, die auf alle Sinne zugleich wirken sollen, Künstlichkeit (statt Natürlichkeit) Erregung (statt Ruhe), Seltsamkeit und Sensation (statt Gewöhnlichkeit), Dunkles und Geheimnisvolles (statt Klarem, Verständlichen, Vertrautem).

Nordau: "Was allen Entarteten fehlt ist der Sinn für Sittlichkeit und Recht. Für sie gibt es kein Gesetz, keinen Anstand, keine Scham (=moralischer Irrsinn/ moral insanity)"

Sein Psychogramm entarteter Künstler: egoistisch, impulsiv, selbstverliebt, Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung, Hang zum Pessimismus, Abneigung gegen alles Handeln, religiöse Schwärmerei, Mystizismus, Unfähigkeit sich den Verhältnissen anzupassen

Fehlende Selbstbeherrschung führt zur Umstürzlerei

Gesamtkunstwerk = regressiv, da es die fortschreitende Differenzierung der Künste aufhebt.

Die Stilmerkmale moderner Malerei führt Nordau auf Sehstörungen zurück

Die Entarteten Dichter: "lallen und stammeln statt zu sprechen. Sie stoßen einsilbige Schreie aus, statt grammatikalisch und syntaktisch gegliederte Sätze zu bauen.

"die krampfhafte Suche nach neuen Formen ist nichts anderes als hysterische Eitelkeit"

Zitat: Georg Heym ( Fieberspital)

Es ist in der Tat auffallend, wie sehr die Kunst der Moderne von Baudelaire bis zu den Surrealisten nicht nur von außen pathologisiert wurde sondern sich tatsächlich für das Kranke, Morbide, das Abweichende, den Normverstoß interessiert hat. Wie sehr teilweise versucht wurde das Kranke/ Normabweichende umzuwerten und als etwas Positives zu definieren: als Anlaß für Erkenntnisprozesse, als Sprache des Körpers, als Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen und auch als kreativen Impuls. Die Ästhetik unseres Jahrhunderts ist über weite Strecken eine Ästhetik der Normabweichung und des Nicht-Schönen.

Dazu kommt, daß fast alle Künstler und Schriftsteller Erfahrungen des Außenseitertums, der Ausgrenzung, des Normverstoßes machen mußten.

Aber nicht nur der Begriff Krankheit allgemein kann auf Kunst und Gesellschaft übertragen werden. Interessant ist natürlich auch welche Krankeiten sich besonders gut ästhetisch und moralisch aufladen lassen. In den seltensten Fällen beschäftigt sich die Literatur mit den Alltagskrankheiten und insbesondere langsame, chronisch verlaufende Krankheiten wie Diabetes, Arthrose, Asthma usw. sind fast nie Thema. Metaphorisch interessant sind vor allem plötzliche, existenzbedrohende, am besten unheilbare und in ihrer Ursache mysteriöse Krankheiten.

Zitat: Katherine Mansfield

Susan Sontag vergleicht in ihrem Essay "Krankheit als Metapher" 1977 die Metaphorik von

TB (Schwindsucht) und Krebs, zwei in der Literatur durchaus beliebte Krankheitskomplexe.

TB gilt als romantische Krankheit, geistige Krankheit, die besonders zarte, sensible, kreative Menschen (Frauen/ Künstler) befällt. TB macht den Körper transparent: Eindruck einer Vergeistigung. Für die Romantik war die TB eine Liebeskrankheit, hervorgerufen durch ein Übermaß an Leidenschaften, bzw. durch enttäuschte Leidenschaft, einer Leidenschaft die verzehrt. Krankheit der Traurigkeit, der Melancholie (die wiederum seit alters her als Künstlerkrankheit gilt) TB gilt als weitgehend schmerzlos. Schöner Tod, schöne Kranke.

Im 19. JH. gilt Schwindsucht teilweise als Modekrankheit. Krankes, blasses Aussehen galt als aristokratisch vornehm und machte einen Menschen interessant.

Krebs gilt als böse, häßliche Krankheit, aggressiv. verunstaltend verzerrt, unnatürlich, wuchernd, ausbreitend, erstickend, erdrückend, ungeistig, unsinnlich. (undurchschaubarer Körper) Ausdruck unterdrückter Aggressionen, tötet Vitalität, Appetit, Begierde. Der Krebstod ist zumeist schmerzhaft, unästhetisch, elend. Krebs ist eine gängige Metapher für eine korrupte, verdorbene Gesellschaft, aber auch für Normabweichler, Oppositionelle, die Stadt als sich ausbreitendes Krebstgeschwulst. Diktaturen gebrauchen die Krebsmetapher gerne

Die Verbindung von Krebs und Charakter durch die Psychologie (z.B. den Psychoanalytiker Wilhelm Reich (das Buch vom Es), der Krebs als Selbstbestrafung sieht, führe, laut Sontag dazu, daß Krebskranke sich als "Looser" fühlten, als willensschwache Menschen, einsam, emotional leer, ohne Selbstgefühl. Die Psychologie ließe glauben, daß Menschen nur krank werden, wenn sie es unterbewußt wünschen und auch ihre Heilung von ihrem Willen abhängt. Tatsächlich werde so die Realität einer Krankheit untergraben und die Schande auf den Kranken abgewälzt. Den gesündesten Umgang mit Krankheit sieht Sontag in einem weitgehenden Verzicht auf Interpretation und Metaphorik.

Als Fortsetzung zu "Krankheit als Metapher" schrieb Sontag 1989 den Essay "Aids und seine Metaphern. Hier vergleicht sie vor allem die Metaphorik von Krebs und Aids.

Während Krebs von Innen böse wuchert, ist Aids das Fremde, der Feind der von Außen eindringt, eine Art Invasion von Aliens in den Körper. Auch gesellschaftlich gesehen, ist das Kranke häufig auch das Fremde, das Unverstandene. Daher werden Krankheitsursachen auch möglichst weit weg geschoben. Besonders bedrohliche und gefährliche Krankheiten nehmen angeblich immer ihren Ausgang in Asien, Afrika, Amerika (eingeschleppt) Tatsächlich haben die Europäer mehr Krankheiten in die von ihnen kolonialisierten Länder eingeschleppt als umgekehrt.

Gleichzeitig wird AIDS in alter christlicher und aufklärerischer Tradition als Strafe für sexuelle Ausschweifungen u. Perversionen gesehen und von den Konservativen als Beweis für das Versagen der liberalen 60er Jahre gewertet.

 

TEIL II

Krankheit und Gesundheit, so haben wir in der letzten Sendung herausgefunden, sind keineswegs Begriffe zur Beschreibung objektiver Zustände, sondern Bestandteile eines moralisch-ethischen Wertesystems einer Gesellschaft, die durchaus veränderbar sind. Zumeist wird jedoch mit der Bezeichnung "Krank" eine Abwertung verbunden. Das Kranke ist gesellschaftlich gesehen auch das Minderwertige, das Unschöne, das Unnatürliche, das Falsche, Negative, Böse, Unnormale. Krankheit ist gesellschaftlich immer eine Abweichung von der Norm. (Kant). Vom frühen Christentum bis zu der Aufklärung galt als ausgemacht, daß die Verletzung gesellschaftlicher (insbesondere sexueller) Normen krank mache (Onanie, Inzucht, Homosexualität) und daß das kranke Individuum an seiner Erkrankung selbst schuld sei.. Erst seit dem 19JH verbreitet sich die Idee, daß gesellschaftliche Normen selbst krankheitsfördernd sein können. Freud behauptet, daß die Unterdrückung der (sexuellen) Triebe zu geistigen Deformationen, zu Neurosen und Psychosen, aber auch psychosomatischen Erkrankungen führe. Auch die Gesellschaft selbst geriet spätestens seit dem ersten Weltkrieg unter Krankheitsverdacht, eine Krankheit, die nur die Revolution heilen könne.

Doch neben dieser gesellschaftlichen Sicht ist die Sicht der Künstler und Schriftsteller auf Krankheit häufig eine andere. Krankheiten haben Künstler seit jeher fasziniert, sei es, daß viele Künstler selbst krank waren und sind, sei es, daß Krankheit allgemein oder speziell sich hervorragend als Metapher verwenden läßt.

Heine Zitate

Nicht zuletzt die sogenannte Moderne hat seit etwa Mitte/Ende des 19JH und fast durchgehend durch das 20JH eine Ästhetik der Normabweichung und des Nichtschönen propagiert und dabei ein intensives Interesse für die Schattenseiten des Menschen, sein nicht-mehr-funktionieren, seine pathologische Komponente gezeigt. Beginnend bei Rimbaud und Baudelaire über die frühen Avantgardebewegungen wie Futurismus, Dada, Surrealismus bis zur Beat-Literatur (hier vor allem Ginsberg und Bourroughs) und der Wiener Gruppe um H.C. Artmann und Gerhard Rühm in den 50er Jahren und weiter durch Fluxus und Happening, Wiener Aktionismus in den 60er Jahren bis hin zur Neuen Innerlichkeit der 70er Jahre und sogar bis hinein in die Undergroundbewegungen der Literatur der 90er Jahre wie Social Beat, unterbrochen nur von jenen fatalen Jahren nationalsozialistischer Kunstideologie mit ihrer Vergötterung des vermeintlich Gesunden.

Künstler und Schriftsteller haben immer wieder versucht die Begriffe Krankheit und Gesundheit umzuwerten. Ein gängiges Künstlerklischee ist, daß Leiden einem Menschen Tiefe gebe, daß man am Leiden wachse, daß Krankheit insbesondere die Sensibilisierung und Vergeistigung fördere, daß Krankheit interessanter sei als Gesundheit, daß im Grunde genommen die Kranken die eigentlich Gesunden seien und die sich gesund nennenden die eigentlich Kranken.

Krankheit wird dabei zumeist als Sinnbild für eine kranke Gesellschaft genommen. Der kranke Körper des einzelnen Leidenden entspricht dem kranken Körper der Gesellschaft.

Zitat: Artaud: Das toxische Knöchelchen

Eine der ergiebigsten deutschsprachigen Studien zu dem Thema Literatur und Krankheit ist die 1989 erschienene Schrift "Gesund und Krank. Medizin, Moral und Ästhetik" des heute in Marburg lehrenden Literaturprofessors Thomas Anz, die wir aus diesem Grunde ein wenig vorstellen wollen.

Seine Grundthese ist, das Krankheit und Gesundheit ethische und ästhetische Werte sind, die der Durchsetzung gesellschaftlicher Normen dienen. Gleichzeitig stellt er fest, daß die gesamte ästhetische Moderne versucht hat, den Begriff des Kranken umzuwerten und positiv zu besetzen. Sein besonderes Interesse gilt besonders dem seit den 70er Jahren verstärkt aufkommende Interesse am Kranken. Anz konstatiert eine Verschiebung des allgemein-theoretisch-politischen Diskurses der 60er Jahre auf das Politische im Privaten, das Existenzielle und Subjektive in den 70er Jahren. Das Interesse der 68er Generation verschiebt sich vom Sujet Arbeiter/ Fabriken auf das Sujet Kranke/ Kliniken, vom Fabrikarbeiter auf die Selbsterfahrungsgruppe. Semidokumentarische Texte und krankengeschichtliche Autobiographien prägen die Literatur jener Zeit. Krankheit wird zur Metapher für die Gesellschaft. In einem merkwürdig paradoxen Verfahren wird der Krankheitsbegriff beim Individuum positiv umgewertet, während er auf die Gesellschaft übertragen seine negative, abwertende Bedeutung behält. Die Kranken sind die eigentlich Gesunden. Die Gesellschaft hingegen macht nicht nur krank sondern ist auch selbst krank..

Die Entwicklung steht in Zusammenhang mit der sog. Neuen Innerlichkeit und dem Psychoboom der 70er. Das ästhetische Interesse an Krankheiten bezieht sich vor allem auf psychische und psychosomatische Krankheiten (v.a. Schizophrenie, Depression, Krebs) als rätselhafte, kaum heilbare Krankheiten.

Zitat: Botho Strauß

Eine der literarisch beliebtesten Krankheiten ist die Schizophrenie. Das (Th. Anz) "verdankt sie ihrer besonders vielseitigen Funktionalisierbarkeit. Schizophrenien liefern Stoff für Geschichten in denen die Darstellung des Leidens der Anklage der Verhältnisse dient, eignen sich zur Infragestellung gängiger Normalitätskriterien." Der literarische Schizophrene ist außerordentlich sensibel, kreativ, originell. Die Krankheit selbst läßt sich als Rebellion gegen die Verhältnisse deuten. Der Schizophrene leidet unter den gesellschaftlichen und familiären Ansprüchen hinsichtlich seiner Funktionalisierbarkeit und wird so leicht zum Märtyrer.

Dabei werde, so Thomas Anz, die Genese der Krankheiten in der Literatur weitgehend simplifiziert auf krankmachende Normen der Gesellschaft, Erziehung, Triebunterdrückung u. autoritäre Strukturen.

Nicht berücksichtigt werde die Möglichkeit, daß für Krankheiten das Zusammenkommen einer Vielzahl von Ursachen verantwortlich sein könne. Völlig ausgeblendet würden Ursachen wie Genetik, Rauchen, Fehlernährung, da diese nur schwer politisch-metaphorisch zu verwenden seien.

Wer schreibt über Krankheit?

1. Ärzte, Psychologen, Psychiater usw. z.B. Leo Navratil, Reinald Goetz (Irre),

Z.B.Reinald Goetz "Irre" 1983

Roman über einen jungen Arzt in der Psychiatrie. Teilt die Idealisierungen der Kranken nicht. Opponiert gegen die heroische Stilisierung und Ästhetisierung des Wahnsinns "Die Irren sind nämlich irr. Und irr ist null Kunst, null Revolte. Arme Teufel sind die Irren."

Gleichzeitig Heroisiert Goetz das Irrationale, Sprachlose, Antiintelektuelle, triebhafte, gewalttätige als das wahrhaft lebendige

Goetz, so Thomas Anz, versuche dem antipsychiatrischen Diskurs über den Wahnsinn, einen dem Wahnsinn (angeblich) nahen Diskurs entgegen zu setzen. Einerseits wendet er sich gegen die Idealisierung von Wahnsinn, aber er idealisiert den Wahnsinn selber, in dem er der "manischen Verrücktheit" des Erzählers zusammen mit Blut, Schmerz, aggressivem Affekt, Rausch, Musik, Tanz eine vitalistische Kraft zuschreibt, die (Zitat Goetz) "die zivilisierten Fesseln des Gehirns, des Wortes, der Kultur und der Moral aufzusprengen versucht"

2. Schreibende Betroffene:

Bei Thomas Bernhard finden wir eine fast durchgängige Krankheitsmetaphorik. Immer wieder wird die Krankheit zum Ausgangspunkt einer geistigen Verfeinerung und Höherentwicklung, z.B. in "Die Billigesser", einer ironischen Erzählung über einen Menschen, der durch den Verlust eines Beines zum Krüppel und dadurch zum reinen Geistesmenschen wird, der die "Gesunden" als normal, mittelmäßig und ungeistig verachtet.

Zitat Th. Bernhard

Immer wieder findet sich bei Bernhard eine Hochschätzung des Geistigen bei Abwertung des Körperlichen. Bernhard steht fast prototypisch auch für die Verbindung von Genie und Wahnsinn, unterscheidet jedoch den kontrollierten vom unkontrollierten Wahnsinn. Bei ersterem kennt man den Wahnsinn, war sozusagen schon einmal dort, ist aber zurückgekommen und beherrscht ihn. Nur so könne der Wahnsinn produktiv werden. Unkontrollierter Wahnsinn heißt hingegen, man wird vom Wahnsinn beherrscht, ist nicht mehr in der Lage aus eigener Kraft und Entscheidung wieder in die sogenannte "Realität" zurückzukehren. Trotz der durch den Wahnsinn erhöhten Sensibilität ist eine künstlerisch produktive Tätigkeit nicht mehr möglich.

3)Autoren ohne Betroffenheitshintergrund

Adolf Muschg: spricht vom "Kunstwerk Krankheit", denn "an (der) Krankheit ist etwas Gesundes, das wir uns nicht nehmen lassen. Sie ist nicht nur Lüge sondern auch Sprache, ja Geständnis. Der Kranke wehrt sich dagegen, daß ihm das Wort verboten, daß es mit einem Sprichwort oder einem Valium zum Schweigen gebracht wird. Nicht anders als in der Kunst."

Ein typisches Beispiel aus den 70er Jahren ist Hainar Kippharts Roman "März" über einen Schizophrenen, der von seiner überaus normalen, disziplinierten Familie "krank" gemacht wird. Kipphardt schreibt dabei der Psychose Qualitäten einer eigentlichen, unentfremdeten Existenz zu. "Heißt denn verrückt krank? Wahnsinn muß nicht Zusammenbruch sein. Wahnsinn kann der Durchbruch zu sich sein"

Nicht zuletzt die Ideen der sogenannten Antipsychiatrie, die in den 70er Jahren aufkam, ist der Hintergrund solchen Denkens.

So vergleicht David Cooper, einer der Begründer der A-Psychiatrie in seinem Werk "Psychiatrie und Antipsychiatrie" Orgasmus, Exstase, Rausch und Wahnsinn.

Geisteskrankheit könne von der zu überwindenden Normalität über die Krankheit zur höherwertigen geistigen Gesundheit führen. Ein psychotisches Erlebnis könne die Grundlage eines reiferen menschlichen Zustand sein.

Daß es in der modernen Kunst und Literatur eine unverholene Sympathie für das Kranke und Nichtnormale gebe, führt Thomas Anz nicht zuletzt darauf zurück, daß sich darin die Außenseiterstellung der Künstler in der Gesellschaft spiegele. Von Anbeginn an habe die Moderne in Opposition zur Normalität der Bürgerlichen Gesellschaft gestanden und deren klassisch-realistische Ästhetik bekämpft. Pathologische Sprachstörungen würden in der Literatur zum Stilmittel der Kommunikationskritik und Sprachentlarvung eingesetzt.. Schließlich korrespondiere auch die soziale Lage vieler Künstler mit ihrer Krankheitsdisposition. Armut führt zu Krankheit.

Zitat: Ginsberg

Während der überwiegende Teil der modernen Literatur von einer "kranken" Ästhetik der Normabweichung, des Nicht-Schönen, der Grenzerfahrung, der Extreme ausgeht, gibt es kaum noch Künstler die Goethes klassischer gesunder "Ästhetik der Harmonie, des Gleichgewichts, der Vermeidung der Extreme" folgen. Eine seltene Ausnahme stellt Peter Handkes Neoklassizismus dar, mit seinen Idealen wie Ordnung, Ruhe, Harmonie, Verklärung, Schönheit.

Handke "Die meiste zählende (oder die jedenfalls immer wieder aufgeführte) Literatur in diesem Jahrhundert ist die von enthusiastischen Kranken. Ich aber weiß, daß ich, wäre ich einmal endgültig krank, nicht enthusiastisch sein würde (und selbstverständlich auch nichts schreiben würde)"

Zitat: Burroughs

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