aus: Sitzen Gehen Stehen, Patio Verlag, Darmstadt und Dreieich, 1997

DER MANN

Diese Geschichte erzählt von einem Mann. Der Mann geht aus dem Haus. Das Haus bleibt zurück. Der Mann steckt in seinem Anzug. Seine Uhr steckt in der Tasche. In der Uhr steckt eine Batterie. Die Batterie geht nicht mehr. Sie ist ausgelaufen. Aber der Mann weiß das noch nicht. Der Mann geht noch. Er geht weiter um die Ecke. Dann geht er ein Stück geradeaus. Eine Frau kommt ihm entgegen. Dann ein anderer Mann. Dann noch eine Frau. Dann noch ein Mann. Auch ein Hund ist dabei. Der Hund bellt, als er den Mann sieht. Dann steht der Mann vor einer Ampel. Dort sind noch andere Menschen stehen geblieben. Männer und Frauen. Der Mann atmet ein und aus. Dann zieht er die Uhr aus der Tasche. Der Mann fragt eine Frau: Ist ihre Uhr auch stehen geblieben? Nein, sagt die Frau. Frauen haben ein anderes Zeitempfinden. Danke, sagt der Mann. Die Ampel wechselt ihre Farbe. Die Männer und Frauen, die an der Ampel stehen, setzen sich in Bewegung. Der Mann bleibt stehen. Er geht nicht mehr. Er ist allein.

DAS TELEFON

Das Telefon liegt auf dem Boden. Schwarz auf braunem Untergrund. Am Strand liegt eine blaue Muschel. Ein Mensch hebt sie auf. Hallo? Hallo? Die Verbindung ist schlecht. Alle Verbindungen sind schlecht. Jedes Telefon ist allein.

MÄNNER UND FRAUEN

Die Männer schweigen. Die Frauen fragen die Männer, warum schweigt ihr? Daraufhin gehen die Männer zur Tür hinaus. Sie gehen aus dem Haus. Die Frauen sehen die Männer noch. Bald aber sind sie verschwunden. Die Männer haben sich ein Bier bestellt. Die Frauen fragen die Wände, warum schweigt ihr? Die Frauen reden zu den Wänden. Die Wände antworten nicht. Aber sie gehen auch nicht weg. Auch die Männer reden jetzt. Sie sagen, noch eins für mich. Das Bier antwortet nicht, und bald ist es verschwunden. So geht das immer weiter.

DIE SCHLAFENDEN FRAUEN

Der Schlaf überkommt die Frauen noch im Stehen. Dort stehen sie nun aufgereiht wie Kegelfiguren. Männer eilen herbei und rütteln an ihnen. Doch die Frauen grunzen nur ein wenig im Schlaf. Die Männer gehen unruhig um die schlafenden Frauen herum. Wenn doch wenigstens eine Frau wach wäre... Dann könnte sie mir ein Bier holen. Dann könnte sie mir einen Nachwuchs besorgen. Dann könnte sie mir einen Rat geben. Doch guter Rat ist teuer. Und soviel Geld haben die Männer nicht. Sie hängen die Frauen ordnungsgemäß an die Garderobe und ziehen in die Freiheit, wo die meisten verhungern.

DIE GEDANKEN

Ein Mann kommt spät abends in ein Zimmer. Nachdem er Schal, Mantel und Hut abgelegt hat, starrt er auf seine Schuhe und beginnt zu denken. Mit einem Mal werden die Gedanken sehr intensiv. Sie beginnen zu kreisen, immer schneller und schneller, bis sie schließlich aus seinem Kopf herausschnellen und durch eine Ritze in der Tür verschwinden. Der Mann atmet tief durch und ist erleichtert. So kann er gut einschlafen.

ZU VIELE WÖRTER

Einem Mann fallen aus Versehen einige Wörter aus dem Mund. Die Wörter werden von der Anziehungskraft zu Boden gezogen und treffen dort den Fuß einer Frau, die gerade vor den Mann getreten ist. Die Frau wird wütend und spürt, wie andere Wörter sich in ihrem Mund unruhig hin und her bewegen. Sie kaut ein wenig auf den Wörtern, doch sie schmecken nicht gut. Schließlich spuckt die Frau die Wörter aus. Sie sie sind klein und scharf und treffen den Mann ins Ohr. Nun muß der Mann sterben. Aber das ist nicht schlimm. Es gibt mindestens so viele Männer wie Wörter.